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Antimilitarismus und Revolution.

June 20th, 2022 Comments off

[Die historischen Ähnlichkeiten sind offensichtlich, das jeweils Zeitspezifische bzw. Allgemeingültige kann sich wohl jeder selbst zusammenreimen. Die Vergleichbarkeit z.B. von Deutschland und Russland, oder Ukraine und Frankreich, ist augenscheinlich, hat aber natürlich auch ihre Tücken… wertvoll genug scheint uns der Text ohnehin.

Trotz der pazifistischen Tendenzen, trotz syndikalistischer Neigung, scheint der Text auch für einen aufständischen Antimilitarismus gültig zu sein… Das Thema scheint auch vor allem das ewige Verhängnis der Verstrickung in territoriale Konflikte, der verirrten Vorstellung, Revolutionen und Aufstände anhand der klassischen Militärstrategie verteidigen zu können… Und ausserdem: Kropotkins Haltung degenerierte früher, als man gemeinhin glaubt.]

Antimilitarismus und Revolution.

In einem Briefe an „Les Temps Nouveaux“ (seinerzeit als „Le Revolté“ von Kropotkin und seinen Freunden gegründet) und in einem zweiten an den bürgerlichen „Temps“, der aber nicht veröffentlicht wurde, nimmt Peter Kropotkin Stellung zur antimilitaristischen Propaganda. Es handelt sich in erster Linie um die Frage, wie sich die Revolutionäre im Falle eines Krieges zu verhalten hätten, und hier nimmt Kropotkin eine gerade entgegengesetzte Stellung zu der antimilitaristischen Richtung, die in letzter Zeit in dem Professor Hèrvé einen energischen Vertreter gefunden. Während diese Letztere für die vollständige Unterdrückung des Militarismus eintritt und selbst im Falle eines „Verteidigungskrieges“ mit dem Streike der Militärpflichtigen antworten will, tritt Ersterer für eine bedingte Beibehaltung des Militärs ein, welches Frankreich, das daran ist, die Grundlagen seiner Gesellschaftsform zu ändern, gegen Angriffe von reaktionären Feinden, unter welchen er hauptsächlich die Deutschen versteht, zu schützen hätte.

Nach unserer Ansicht beruhen die Schlüsse, welche Kropotkin zieht, auf einer allzustarken Unterschätzung der Deutschen, was man ihm aber wahrlich nicht übel nehmen kann; waren es doch die „Germanen“, welche stets wie ein Bleigewicht auf den Gang der internationalen Arbeiterbewegung wirkten. Ganz so pessimistisch denken wir jedoch nicht, vielleicht eben weil wir „Deutsche“ sind, sonst hätten wir es schon längst aufgegeben, unter einer solchen elenden Schafherde Propaganda zu machen.

Nun ist zu sagen, dass, seitdem Russland aufgehört hat, eine stete Bedrohung der freiheitlichen Bewegung in Westeuropa zu sein – was man heute schon mit Bestimmtheit sagen kann – ist es auch Deutschland nicht mehr in dem Masse, weil es an „Rückgrat“ verloren hat. Es wird bald damit genug zu tun haben, die „eigenen Völker“, namentlich die Polen in der Zucht zu halten, dass es sich nicht mehr erlauben kann, ein grosses Volk, das sich zudem noch im Befreiungskampfe befindet, zu unterjochen.

An die Ausführungen von Kropotkin knüpfen sich eine Reihe von Auseinandersetzungen, und es ist auch für uns Schweizer nicht unnützlich, der Sache näher zu treten und sich darüber gründlich auszusprechen, weil es das beste Argument der Bourgeoisie und Sozialdemokraten gegen die antimilitaristische Propaganda ist, dass wir „Freiheiten“ gegen lüsterne Räuber zu verteidigen hätten.

Nachbringend bringen wir die charakteristischsten Ausführungen Kropotkins zum Abdruck, und in Fortsetzung eine Entgegnung von Charles Albert auf dieselben, ebenfalls in „Les Temps Nouveaux“ veröffentlicht.

Dies schreibt unser Peter Kropotkin in einem Briefe an „Les Temps Nouveaux“:

„Wenn Frankreich durch einige Militärmächte überfallen wird, so ist die Pflicht der Revolutionäre nicht, die Arme zu kreuzen und dem eindringenden Feinde freies Spiel zu lassen. Sie ist: die Revolution anzufangen und das Territorium der Revolution zu verteidigen, um sie fortzusetzen.

Die Formel „Streik der Conscrits“ (der militärpflichtigen jungen Leute, D. Ueb.) sagt nicht genug. Sie hat die Unannehmlichkeit, sich auszuschweigen über den eigentlichen Zweck der Propaganda, und gibt Anlass zu falschen Deutungen desselben. Sie sagt nichts von der Revolution und sagt nichts von der Notwendigkeit, in welche die Revolutionäre versetzt werden, diese, jeden Zoll französischer Erde, der sich in Revolution befindet, mit den Waffen in den Händen zu verteidigen gegen die bürgerlichen und kaiserlichen Horden deutscher, englischer oder vielleicht russischer Räuber.“

Und weiter in seinem Briefe an den „Temps“: „Aber wenn die Deutschen Frankreich überfallen, an der Spitze – wie sie es ohne Zweifel machen werden – einer mächtigen Koalition, und die Hände der kleinen Grenzstaaten (Belgien und Schweiz) binden, alsdann wird der Streik der Conscrits nicht genügen. Man müsste machen, was die „Sanscullotes“ im Jahre 1792 getan haben, welche in ihren Sektionen die revolutionäre Kommune vom 10. August konstituierten, das Königtum und die Aristokratie über den Haufen warfen, gewaltsam Steuern von den Reichen erhoben, die Legislative (die gesetzgebende Körperschaft der grossen Revolution) zwangen, das erste wirkliche Dekret zur Vernichtung der feudalen Rechte zu erlassen und deren Zurücknahme durch die Bauern des kommunalen Bodens, und die marschierten, um die französische Erde zu verteidigen, immer indem sie die Revolution fortsetzten. Das ist auch das nämliche, was Bakunin und seine Freunde anno 1870 in Marseille und Lyon zu machen versuchten.

Der einzige wirksame Damm, den man einem deutschen Überfalle entgegen setzen kann, ist der Volkskrieg, die Revolution. Das ist es, was man voraussehen und von heute an offen sagen muss.“

Charles Albert antwortet auf diese Ausführungen folgendermassen:

„… Diese Lösung, sagen wir es gleich, ist verführerisch. Erstens, weil sie eine Vermittlung ist. Sie bringt zwei Sachen, die sich immer mehr von einander entfernen, wieder zusammen: Die Revolution auf einer Seite, auf der andern die nationale Verteidigung. Sodann ist sie edel, ritterlich. Sich aufopfernd ohne zu rechnen, wie es das Volk von jeher getan, genügt es für alles, übernimmt es alle Arbeiten, seine eigene wie diejenigen, welche richtig zu führen seine Regierung unfähig ist. Das Volk macht die Revolution, um an Stelle der Unfähigen und Verräter den Boden des Vaterlandes verteidigen zu können. Es verteidigt die Grenzen, um die Revolution gegen reaktionäre Horden, welche sie zu Grunde richten wollen, zu verteidigen.

* * *

Sehen wir uns die Sache näher an. Wir sehen, dass all dies auf keinen sehr soliden Grundlagen ruht. Eine doppelte Reihe von Hypothesen auf den Krieg und die Revolution, und zudem sehr gewagte Hypothesen, legt uns Kropotkin vor. Nun gut! Wir denken, dass dies nicht genug ist.

Kropotkin scheint keinen Moment daran zu zweifeln, dass sich Frankreich bald gegen „bürgerliche und kaiserliche Horden deutscher, englischer und vielleicht russischer Eindringlinge“ zu verteidigen habe. Das, was er voraussieht, ist beinahe ein Krieg um die Prinzipien, das ist die europäische Reaktion, die „bereit steht, ihre blind gehorchenden Truppen gegen die Nation, die 1793, 1848 und 1871 Revolution machte und sich auf eine neue Revolution, „die soziale“, vorbereitet, zu werfen.“

Aus einem solchen Krieg könnte in Wirklichkeit die Revolution vielleicht hervorgehen. Aber es hat andere, unendlich viel wahrscheinlichere Kriege, bei welcher Gelegenheit es nicht leicht sein würde, den Volksenthusiasmus zu entfesseln. Es gibt Kriege, die der Begierde entspringen, für kapitalistische Interessen. Und solche kapitalistische Gelüste finden sich in Frankreich wie anderswo. Es gibt bürgerliche und nationalistische französische Horden, welche ebenso die Rolle von fremden Eindringlingen spielen können. Es wird dann vielleicht nicht sehr leicht sein, das Zusammentreffen zwischen Krieg und Revolution zu besorgen…

Wir werden die Revolution machen.

Aber welche Revolution können und müssen wir machen?

Es ist immer leicht zu sagen, die Revolution. Schwieriger ist es, etwas Positives an Stelle dieser Silben zu setzen.

Wir alle haben den Hang, die Zukunft nach der Mode der Vergangenheit zu kleiden. Und dies ist, so scheint es mir, was Kropotkin hier macht. Er bringt uns zum Beispiel die Sansculottes von 1792 vor. Aber wir sind im Jahre 1905. Und vor allem in Frankreich sind die Dinge seit einem Jahrhundert fortgeschritten. Es ist selten, dass sich die Geschichte im nämlichen Lande in so langen Zeiträumen wiederholt. Und es spricht viel dafür, dass wir die Heldentaten unserer Väter nicht wieder anzufangen haben.

Dass eine soziale Umformung, vor allem eine wirtschaftliche, sich vorbereitet, in Frankreich stärker als anderswo, ist ausser allem Zweifel. Aber möchte diese Revolution in die von den Revolutionen der Vergangenheit eingeweihten Formen eintreten? Wird sie einen Block bilden, wovon das Glück mit dem Geschicke der Nation wird verbunden sein? Oder wird sie eher neue, unvorhergesehene Gestaltungen annehmen, welche vielleicht ihre beste Schutzwache gegen reaktionäre Unternehmungen von Aussen wie von Innen sein werden?

Es sind die Revolutionäre von Heute, welche er einladet zu fragen, was die Revolution von Morgen sein wird. Nun ist es sichtbar, dass alle Menschen, in welche sich die revolutionäre Energie geflüchtet hat, zum Mindesten [in] Frankreich, und gleichgültig aus welcher Klasse sie herkommen, stark von dem beeinflusst sind, was man „proletarisches Fühlen“ nennen könnte, und gewonnen für die Taktik der Arbeiter. Kropotkin weiss dies und erfreut sich dessen, wie wir. Alle legen ihr Vertrauen und ihre Energie in den täglichen Kampf der Arbeiter, insofern als Arbeiter gegen den Herrn, als dieser Herr ist: das ist der ökonomische Kampf, gewissermassen unser Beruf. Auf dem Felde, in der Fabrik, im Atelier rechnen sie die Revolution zu machen. Was sie in dieser Richtung zu allererst verstehen, ist die Befreiung und Organisation der Arbeit. Ihre neue revolutionäre Gruppenbildung, die Gewerkschaft, ist eine Gruppierung der Arbeit. Nun, alles dieses stimmt auf den ersten Blick aber schlecht mit dem revolutionären Nationalismus überein, welcher sich, es scheint so, mit nichts Anderem als der traditionellen, klassischen, mit einem Wort der politischen Revolution vereinbaren kann, deren von der Geschichte geheiligte Type uns verfolgt, ohne dass wir dazu gelangen, uns von ihr loszumachen.

* * *

Kropotkin verlangt von uns zu gleicher Zeit antimilitaristischer, wie nationalistischer Revolutionär zu sein. Legt er sich keine Rechenschaft darüber ab, dass eine solche Haltung praktisch unhaltbar ist?

Der Weg der Konzessionen und Abweichungen betretend, wird die antimilitaristische Propaganda, wie sie heute in den französischen Arbeiterkreisen den Weg nimmt, alle Klarheit und jeden Schwung der Begeisterung verlieren. Sie würde nicht mehr durchdringen. Ihre Flanken den von den Gegnern gewünschten Konfusionen leihend, würde sie damit enden, dass sie das Vertrauen in sich selbst verlieren würde.

Fassen wir die Sachen so ins Auge, wie es Kropotkin möchte, so ist nun fast unmöglich, aus der sich daraus ergebenden ersten Schwierigkeiten herauszukommen. Wenn ihr die Notwendigkeit, das revolutionäre Frankreich gegen das Ausland zu verteidigen, schon heute vorausseht – so sagt man uns – warum arbeitet ihr denn nicht heute schon an dieser Verteidigung mit und warum riskiert ihr sie abzuschwächen durch eure Propaganda?

Kropotkin antwortet: Nie hat die reguläre Armee nichts [= irgendetwas] gerettet noch verteidigt. Also kompromittieren wir nichts. Nur das Volk in Waffen, das aufgestandene Volk ist fähig, das Ausland zurückzuwerfen. Der einzige Damm, den man einem deutschen Überfalle entgegensetzen kann, ist der Volkskrieg, die Revolution.

Wieder die Hypothese mit Gefühlen umgeben. Denn angesichts der schicklichen Mittel des modernen Krieges haben wir das Recht nicht mehr, die Frage, ob die Bataillone der Franco Tireurs und Garibaldiner immer die Stärkern sein werden, zu bejahen. Man improvisiert die nationale Verteidigung nicht mehr wie in der Zeit, in der die mörderischsten Kriegsmaschinen in einigen schlechten Kanonen bestanden.

In allen Fällen wäre unser Antimilitarismus dem Danke einer mehr oder weniger glücklichen Diskussion über das beste Verteidigungssystem überliefert. Und das wollen wir nicht.

Man muss den Krieg mit allen seinen Konsequenzen annehmen, oder man muss es wagen, dem Gedanken einer Niederlage ins Gesicht zu sehen. Denn in Wirklichkeit gibt es keine mögliche Vermittlung. Oder gut, den Militarismus mit allen seinen Graden, seiner Hierarchie, mit seiner Knechtschaft – das will sagen, alles was ein wahrer Sozialist und ein wahrer Anarchist nicht annehmen kann – diese nationale Verteidigung, aufgenommen im ganzen Umfange, durch die Jaurès und die Clemenceau, als eine Grausamkeit, aber heilige Notwendigkeit. Oder dann den proletarischen Antimilitarismus, ohne Skrupeln, Beschränkungen noch Konzessionen, mit einer einzigen Formel auf alles antwortend: Streik der Conscrits und geschehe was kann!

* * *

So es an uns kommt, unsere Wahl ist getroffen. Ja, Streik der Conscrits und geschehe was kann. Das ist unsere Formel. Denn sie ist die einzige klare, die einzige logische, die einzige, die sowohl mit unserem anarchistischen Ideal wie mit unserer revolutionären Methode übereinstimmt. Noch mehr, sie ist die einzige praktische Lösung der sich vorbereitenden Konflikte. Angenommen, wir blieben Sieger über die reaktionären Horden, mit welchen ihr uns droht, aber wie halten wir dann den in Folgen dieser europäischen Reaktion, die nichts anderes begehrt als Rache zu nehmen, Stand? Man müsste von neuem uns durch einen ebenso blutdürstigen Militarismus, wie der von heute, schützen, oder fortwährend kriegen – wie lange Zeit? um die Revolution in die übrigen Teile der Welt zu tragen: Das wäre denn immer der Krieg mit allem, was daraus folgt!1

Nein, hundertmal nein. Das wahre, das einzige Mittel, das revolutionäre Frankreich zu schützen, ist, unsere Brüder, die ausländischen Arbeiter dahin zu bringen, dass sie ihre Arme sinken lassen, wenn man ihre Waffen gegen französische Brüste richten will. Und dafür ist das einzige wahre Mittel, ihnen ein Beispiel zu geben, gleichgültig was daraus entsteht!

Lassen wir uns eher durch die französischen Bourgeois füselieren, als dass wir im Namen der Revolution ermorden unsere deutschen, englischen oder russischen Brüder.

So arbeiten wir besser für die Revolution, als wenn wir Soldaten spielen, denn so arbeiten wir mit sicherem Erfolg durch unser Beispiel für den Frieden unter den Menschen, ohne welchen es heute keine so tiefgehende und langandauernde Revolutionen mehr gäbe.

___________

[Aus: Der Antimilitarist. BEILAGE zu NO. 21 des „WECKRUF“. III. Jahrgang. Zürich, November 1905]

1A.d.S.: etwas, was gewissermassen auch in der Sowjetunion passieren sollte, wohl aber jedem Aufstand, der sich mit der klassischen Militärstrategie verteidigt, passieren wird…

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Pazifismus

June 20th, 2022 Comments off

Pazifismus

Wer den Frieden will, muß für den Krieg rüsten

Dieses Motto der Militaristen kennzeichnet kurz die Ideologie der Staatsgläubigen, welche sich unter Frieden nur einen Zustand denken können, der Zwang nach innen und nach außen bedeutet, um das Eigentum der Staatsbürger vor jedem Angriff zu sichern.

Dieser künstlich geschaffene Frieden ist aber nur ein Scheinfrieden, der in Wahrheit ein Waffenstillstand ist, da seine Erhaltung, – bereit sein für den Krieg heißt.

Wer aber den wirklichen Frieden will, muß vor allem die Befreiung des Individuums von Zwang und Gewalt wollen und damit die Achtung vor dem Menschenleben über alles stellen.

Das Friedenswollen entspringt einem natürlichen Gefühl aller Lebewesen. Nicht die Religionen oder geschichtlichen Erfahrungen bilden die Grundlage zum Friedenswillen, sondern das Ruhebedürfnis, welches sich bei voll erfüllter Existenzbedingung des Individuums kundgibt, ist der leitende Trieb zum Frieden. Und erst das Bewußtsein seinen Egoismus unbehindert befriedigen zu können, d. h. Seine natürlichen Bedürfnisse kampflos zu stillen, leitet den Willen zum Allgemeinfrieden ein.

Die Geschichte aller Völker und Zeiten lehrt uns, daß der Wille zum Frieden sich nicht künstlich erzeugen läßt, daß alles predigen vom „Frieden auf Erden“ zwecklos ist, wenn die Kriegsursachen bestehen bleiben. Und hier versagte der christliche sowie der bürgerliche Pazifismus fast immer und geradezu lächerlich wirkt der in Friedensdemonstrationen und sonstigen Kundgebungen sich auswirkende Pazifismus christlicher, bürgerlicher und auch – sozialistischer Richtung.

So wie die christliche Kirche schon seit Jahrhunderten es nicht lassen kann zu gewissen Zeiten den „Gottsohn“ und „Friedenbringer“ ihrer gläubigen Herde zu demonstrieren, so glauben auch jene „weltlichen“ Friedensapostel von heute nicht umhin zu können, von Zeit zu Zeit ihren Anhang und zum Teil auch die übrigen Menschheit zu Demonstrationen für den Frieden aufzurufen, um schließlich durch Annahme von Resolutionen Friedensforderungen an eine jeweilige Regierung zu stellen.

Als ob eine Regierung, die doch immer nur eine Klassenvertretung sein kann, jemals Forderungen erfüllen könnte, welche in ihrer Konsequenz das Herrschaftsprinzip aufheben und dadurch die Klassen als solche beseitigen müssen. Sie verkennen ganz, daß nur die klassenlose Gesellschaft, Voraussetzung für den wirklichen Frieden ist.

Auch kurz vor dem großen Völkermorden 1914-1918 demonstrierten Hunderttausende gegen den Krieg, aber doch machten alle, abgesehen von wenigen Ausnahmen, dies imperialistische Unternehmen mit, um zum Wohle einer kleinen Zahl Kapitalsmagnaten sich gegenseitig abzumurksen. Aber diejenigen, welche zuvor vom ewigen Frieden redeten, gingen hin und predigten den „heiligen Krieg“.

Wir fragen uns, welche Ursachen waren es, die die Masse und ihre Führer zu einem solchen radikalen Sinneswechsel veranlaßten? Und die Antwort lautet: weil sie alle in einer Welt lebten und noch leben, in der kein Frieden war noch ist, sondern Krieg aller gegen alle.

Oder ist das kein Krieg, wenn im kapitalistisch-wirtschaftlichen Konkurrenzkampf tausende und abertausende Lohnsklaven zugrunde gehen? Wenn die brutale Weltwirtschaft Millionen Menschenblüten vorzeitig knickt und mit barbarischem Schritt über Menschenleichen geht? Wenn infolge von Wirtschaftskrisen, hervorgerufen durch einen sinnlosen Konkurrenzkampf, tausende Proletarier mit dem Hunger kämpfen und ebenso viele Existenzen vernichtet werden? – Das ist der Krieg in seiner schlimmsten Form, wo es für den Schwachen kein Mitleid gibt, wo es heißt: „wer nicht schwimmen kann gehe unter“.

So war es vor dem Weltkriege, in dem man zum Unterschiede von dem sogenannten Frieden mal ein Massenschlachten organisierten und nach demselben trat wieder jener Zustand ein, den man irrtümlich mit Frieden bezeichnet, der aber nur eine andere Form des Krieges ist.

Und wieder ist ein neues Drama in Vorbereitung, wir können schon deutlich die Klänge jener Ouvertüre vernehmen, die uns noch allzu deutlich von 1914 bekannt sind. Werden auch jetzt wie damals jene Friedensapostel versagen? Oder werden auch sie begreifen lernen, daß in einer Gesellschaft wo der Mensch des Menschen Todfeind ist, kein Frieden sein wird noch kann?

Wer den wirklichen Frieden will, darf auch vor der letzten Konsequenz nicht zurückschrecken, d. h. Vor dem Willen zur Tat. „Am Anfang war die Tat“, sagt Goethe im „Faust“, und so müssen auch alle ernsten Friedensfreunde sagen, wir wollen anfangen und den Willen zur Tat haben für den Menschheitsfrieden.

Darum Kampf gegen die Herrschaft in jeder Form; Kampf gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Nicht mit Sentimentalitäten läßt sich die durch Tradition geheiligte Kriegsbestie beseitigen, sondern nur mit kräftig durchgreifenden Mitteln, wie sie von den Anarchisten schon zu unzähligen Malen empfohlen wurden. Denn solange die sozialen Einrichtungen der Menschen auf Macht und Gewalt gegründet sind, so lange wird auch Krieg sein unter den Menschen.

Wer daher den Frieden will, muß den revolutionären Kampf gegen die Kriegsursachen wollen. Eine andere Konsequenz gibt es nicht.

Pt.

[Der Freie Arbeiter. 16. Jahrg. 1923 Nummer 27]

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