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Archive for August, 2022

Anarchist Position on War

August 5th, 2022 Comments off

[Two resolutions that were passed at the international anarchist conference in May 1948 in Paris.]

Anarchist Position on War

Since long before the declaration of the Second World War, the most active of our groups and federations have been the victims of such persecution (imprisonment, concentration camps, etc.), that it was impossible for the anarchists, when the declaration of war came, to attempt any widespread concerted action.

Seeking to avoid prison or death, or seeking to hasten the fall of the oppressing powers, some anarchists were led to participate, in an active or passive role, in the war. A few continue even today, after the conflict, to support the democracies under the pretext that the primary task is the reconstruction of society.

The International Anarchist Congress, recognising that individual and mass resistance to war, in all their forms, can create more fruitful possibilities in the future, draws the attention of militants and anarchist organisations to the interest which should be taken, in time of peace, in the study of the problem of non-participation in war, and to formulate, as much on an individual scale as on that of the groups, concrete attitudes in view of such an eventuality. Among the methods of struggle against war which merit the attention of anarchists, one might mention the general strike, sabotage, civil disobedience, certian forms of conscientious objection, etc.

The anarchists must avoid all confusion and declare themselves opposed to all war, however much it may pretend to be a democratic struggle against totalitarianism. They must not let this dissuade them, in the event of war, from continuing their independent struggle, uncompromisingly, with libertarian methods, against all forms of oppression.

*

Position Towards U.N.O. and Movements for a United States of Europe, European Federation, etc.

The anarchists denounce the myth of universal peace based on a pretence of union between States.

(The International Congress – 3; in: Freedom April 1st 1950)

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Anarchistische Position zum Krieg

August 5th, 2022 Comments off

[Zwei Resolutionen, welche auf der Internationalen Anarchistischen Konferenz in Frankreich im Mai 1948 angenommen wurde.]

Anarchistische Position zum Krieg

Schon lange vor der zweite Weltkrieg erklärt wurde, wurden die aktivsten unserer Gruppen und Föderationen die Opfer von derartigen Verfolgungen (Gefangennahme, Konzentrationslager, etc.), dass es für die Anarchisten unmöglich war, als die Kriegserklärung kam, irgendeine weitverbreitete koordinierte Aktion zu versuchen.

Im Versuch, Gefängnis oder Tod zu entgehen, oder in der Absicht, den Fall der unterdrückenden Mächte zu beschleunigen, wurden Anarchisten dazu verleitet, in einer aktiven oder passiven Rolle am Krieg teilzunehmen. Ein paar Wenige fahren sogar noch heute, nach dem Konflikt, damit fort, die Demokratien zu unterstützen, unter dem Vorwand, dass die erstrangige Aufgabe der Wiederaufbau der Gesellschaft sei.

Der Internationale Anarchistische Kongress, anerkennend, dass individueller und massenhafter Widerstand gegen den Krieg, in all seinen Formen, in Zukunft fruchtvollere Möglichkeiten erschaffen kann, lenkt die Aufmerksamkeit von Kämpfern und anarchistischen Organisationen auf das Interesse, dass in Friedenszeiten an der Studie des Problems der Nichtteilnahme am Krieg genommen werden sollte; und darauf, sowohl auf individueller Ebene wie auf jener der Gruppen konkrete Haltungen in Bezug auf eine solche Eventualität zu formulieren. Unter den Kampfmethoden gegen Krieg die die Aufmerksamkeit der Anarchisten verdienen, könnte man den Generalstreik, Sabotage, zivilen Ungehorsam, bestimmte Formen der Kriegsdienstverweigerung, etc. nennen.

Die Anarchisten müssen jegliche Verwirrung vermeiden und sich gegen jeden Krieg erklären, wie sehr auch immer er vorgibt, ein demokratischer Kampf gegen Totalitarismus zu sein. Sie sollten sich nicht davon abbringen lassen, im Kriegsfall, ihren unabhängigen Kampf fortzuführen, kompromisslos, mit freiheitlichen Methoden, gegen alle Formen der Unterdrückung.

*

Position gegenüber der U.N.O. und den Bewegungen für die Vereinigten Staaten von Europa, eine Europäische Föderation, etc.

Die Anarchisten verurteilen den Mythos eines universellen Friedens der auf der Vortäuschung einer Vereinigung zwischen Staaten basiert.

[Übersetzung von: The International Congress – 3; in: Freedom. Anarchist Fortnightly, April 1st 1950]

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Gehorsamsverweigerung

August 5th, 2022 Comments off

[Der Text vertritt zwar einen allzu pragmatischen und nicht unbedingt revolutionären Defätismus, aber sei hier all jenen nahegelegt, die glauben, die Vaterlandsverteidigung, oder sei es auch nur die Vaterstadtsverteidigung seie eine logische Handlung für Anarchisten, verbessere irgendwie die Lage. Denn gerade diese Vorstellung wird allzu oft für voll genommen, man hält sie für richtig, glaubt dem Augenschein, der aber eben gerade in solchen Fällen oft trügt. Was die Frage betrifft, die als Rechtfertigung oft beschworen wird, ob der Besatzer etwa der Exilanten und gewisser Minderheiten, auf die er abzielt, so nicht sofort habhaft werden könnte, so fragt es sich, wieso Anarchisten nicht gerade hier einen der klassisch aufständischen Vorschläge realisieren sollten, nämlich: das Freudenfeuer mit allen Staatspapieren (bzw. moderner Dateien), egal wer es gerade ist, der darauf Zugriff hat. Wäre das denn so unlogisch? So unwirksam? Wofür lohnt es sich denn wirklich, als Anarchist sein Leben aufs Spiel zu setzen?

Und man müsste vielleicht auch hier noch anmerken, dass eine zur Vaterlandsverteidigung militarisierte und mobilgemachte Örtlichkeit dadurch durchaus nicht repressionsfreier würde, ja, meist gerade zu diesen Zwecken die autoritären Massregeln, Ausgangssperren und sogar das Standrecht eingeführt werden… dass man also zur Verteidigung vor der brutalen Diktatur, die man fürchtet… gerade eine solche Diktatur errichtet. Wieso dies aktuell in der Ukraine anders sein soll?]


 

Gegen Militarismus und Krieg

Gehorsamsverweigerung

Ein Land, das eine Armee hält, hält den Krieg. Das alte Schlagwort «Si vis pacem para bellum» («Willst Du den Frieden, bereite den Krieg vor!») ist von den Tatsachen regelmässig widerlegt worden. Alle Nationen gebrauchen es und befolgen es und zerfleischen sich schliesslich gegenseitig in nutzlosester und verbrecherischer Weise…

Mit dem Anwachsen der modernen Zerstörungsmittel wird gerade ein Land, das von keiner Armee verteidigt wird, am besten davonkommen. Selbst wenn man annimmt, dass das Land eine Besetzung nicht vermeiden kann, so ist es wenigstens nicht von totaler Vernichtung bedroht. Das Schicksal Dänemarks war im letzten Krieg, in dem es kampflos besetzt wurde, besser als das Belgiens und Hollands, die sich geschlagen haben. Die offenen Staaten, die ihren Ländern den Krieg erspart haben, hatten die am wenigsten rigorose Besatzung.

Und im Kriege selbst, wenn Tod und Verderben wüten und weder Niederlage, noch Abhängigkeit, weder Invasionen noch Besetzungsjahre ausgeschlossen werden können, bleibt den Generalstäben zur Rettung einer Stadt nur ein einziges Mittel übrig: die militärische Verteidigung der betreffenden Stadt aufzugeben und die Stadt als offen zu erklären.

Und dieses Mittel propagieren die Gehorsamsverweigerer aus Gewissensgründen zur Rettung aller Länder und aller Städte der Welt: Aufgeben jeder militärischen Verteidigungsabsicht! Denn nur auf diese Weise kann die Zerstörung vermieden werden.

Als Herr Paul Reynaud 1940 durch den Rundfunk bekannt gab, dass Paris Strasse um Strasse, Haus um Haus verteidigt würde, begriffen die Pariser, dass, dank der unfassbaren Verirrung der Zentralgewalt, nicht nur Paris, sondern die ganze Heimat sich in einen Friedhof verwandeln würde.

Paris war zu spät zur offenen Stadt erklärt worden – wie wenn man sich gescheut hätte, die Stadt zu retten – und die Pariser wurden von Paul Reynaud auf die Landstrassen getrieben, wo sie im ganzen übrigen Land, das militärisch verteidigt, also vollkommen unsicher wurde, den Bombenangriffen ausgesetzt waren.

Der (französische) General Hering rettete die Stadt, indem er sie mit seinen Truppen verliess, und ebenso rettete sie (1944) der deutsche General Choltitz zum zweitenmal, indem er die Befehle der deutschen Regierung, Paris Haus um Haus und Stein um Stein zu verteidigen, nicht befolgte.

Ebenso hat der Bürgermeister von Chartres im Juni 1940 zur Verteidigung und Rettung seiner bombardierten Stadt die Initiative ergriffen, den Deutschen entgegenzugehen und Chartres zur offenen Stadt zu erklären. Die Kommunalverwaltung dieser Stadt hat seither eine Reihe anderer ziviler Verteidigungsmassnahmen getroffen, die allen geopferten Städten der Welt als Beispiel gegen die nationalistischen Zentralgewalten dienen sollten.

Man vergisst zu leicht, dass es auf Erden nur Städte und Dörfer mit ihren Bewohnern gibt und dass der Zentralstaat an und für sich nicht existiert. Die Administrationen und die Büros sind ja keine Lebewesen.

Wann immer eine Stadt gerettet wurde, so trotz und gegen den Willen der Regierungen.

Und das war vor Hiroshima. Wie wird es nachher sein?

Emil VERAN

[Neue Generation. Januar 1950. N° 1 (Jan Kolthek, Nwe Heerengracht 35, Amsterdam C, Holland)]

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Der Krieg

August 4th, 2022 Comments off

[Auch diesen Artikel aus einer Kriegs-Sondernummer der ersten deutschsprachigen anarchistischen Zeitung, der Arbeiter-Zeitung, wollen wir euch nicht vorenthalten, auch wenn er einige Aspekte enthält, die man in der Zeit sehen muss. Etwa missverständliche Bezüge auf “Republik”, die keinesfalls in jenem Sinne zu verstehen sind, wie irgendwelche Hornochsen heute versuchen, ihre Teilnahme an Kriegen für die realexistierende Demokratie zu rechtfertigen, trotzdem die Referenz auf eine noch etwas unausgegorene Haltung hindeutet. Oder die rote Fahne, die damals noch nicht ausschliesslich vom Marxismus rekuperiert war. Die Ausgabe erschien auch auf französisch als Journal des ouvrieres, und wurde speziell gegen die nationalistische Sedan-Feier veröffentlicht. Die Internationale Arbeiter-Assoziation bzw. die Juraföderation, die hier pathetisch propagiert wird, sollte Keimzelle der spezifisch anarchistischen Bewegung werden, welche sich dann mehr und mehr von Formalitäten wegbewegte. Es lohnt sich vielleicht, darauf hinzuweisen, dass in der anarchistischen Zeitung In der Tat eine zweiteilige Abhandlung über die Arbeiter-Zeitung erschien, der bisher einzige Versuch, diese für das Verständnis der Anfänge des deutschsprachigen Anarchismus eigentlich unausweichbare Publikation, ihren Kreis und ihre Aktivität zu behandeln.]

Der Krieg

In der menschlichen Industrie existirt ein besonderes Handwerk, und zwar ein Handwerk, das besser organisirt ist, als alle andern, weil in allen Ländern die Bourgeoisie dasselbe mit neidischer Sorgfalt pflegt. Arbeiter, Werkzeug, Areitstheilung, Kollektivkraft, Maschinen, nebst Allem, was dieses handwerk besitzt, doch dieses Handwerk schafft nicht Leben! Nein es tödtet!

Bei diesem handwerke ist der Arbeiter Soldat; bei diesem Handwerke ist das Werkzeug die Flinte oder der Säbel; bei diesem Handwerke entstehen durch die Theilungsarbeit Regimenter, und die bei denselben angewandten Maschinen sind jene fürchterlichen Erzeugnisse, die Mitraillöse und die Kanone. Dieses Handwerk verbreitet Verheerung in allem auf Erden Bestehendem, Zerstörung von Menschen und Dingen, verbreitet… lauter Tod.

Dieses Handwerk heisst Krieg.

Von jeher, sowie heute, protestiren die Arbeiter gegen den Krieg, wovon sie die Kosten tragen, und reichten einander über die Grenze hinüber die Hand. Und dennoch folgt ein Krieg auf den andern, man führt ihn so häufig wie früher, und die Kriege werden grässlicher. Auf den österreichisch-preussischen Krieg von 1866 folgt der noch blutigere von 1870. Heute protestiren wir wieder! Morgen vielleicht sieht das alte Europa eine Schlächterei, die an Gräueln Alles übertreffen wird, was nur die düstere Phantasie erträumen kann.

Ach! Damit Etwas verschwinde, ist es nicht genug damit gethan, dass man es verwünsche. Auf Worte, auf Gefühle müssen Handlungen folgen. Mit den Versammlungen, die man veranstaltet, um gegen den Krieg zu protestiren, genügt es nicht. Um die Ursache davon zu ergründen, dazu soll man auch zusammenkkommen. Sich in einer Anwandlung von gegenseitiger Begeisterung die Arme entgegenstrecken, damit ist es nicht gethan, man muss sich vielmehr fest bei der Hand fassen, um mitsammen und in geschlossenen Reihen voranzugehen. Zusammenkünfte (und viele, wenn es sein muss!), um die tiefen sozialen Wurzeln des Krieges aufzufinden; inniges Zusammenhalten zu deren Ausrottung, sobald sie aufgefunden sind.

Welche sind denn die Ursachen des Krieges? Die Jedermann bekannte menschenfreundliche Bourgeoisie schiebt die Schuld von allen Kriege auf Könige, Kaiser und Fürsten. “Jagt Fürsten, Kaiser und Könige fort”, sagt sie, “so bekommt ihr keine Kriege mehr.” Das ist nun aber ein Irrthum oder eine Lüge. Ja freilich, wir wissen es wohl, dass der König von Preussen es einsah, er müsse, um deutscher Kaiser zu werden, im Blute watten, und dass er sich nicht lange bedachte; wir erinnern uns, dass Bonaparte, um seine wankende Macht zu erhalten, den Krieg erklärte. Eine Krone erwerben oder retten, ist ein hinlänglicher Grund zur Erwürgung der Völker. Das Übel hat aber noch tiefere Wurzeln. Höhret und vernehmet sie. Verjaget die Könige, ersetzet über all die Kaiserreiche durch Republiken, lasset die stehenden Heere verschwinden, ersetzet dieselben durch Landmilizen; wenn ihr dann dieses Säuberungswerk vollbracht habt und die jetzige ökonomische Organisation nicht umwandelt, so habt ihr den Krieg unter der Republik, so wie in Amerika, eben so wohl und eben so oft, als unter dem Königthume oder dem Kaiserreiche. Warum? Weil der Krieg weit mehr von der ökonomischen als von der politischen Organisation der menschlichen Gesellschaft herrührt.

Im Anfang bildet der Krieg unter den Menschen eine Art von Jagd, eine Jagd auf Menschen. Man macht Gefangene, man hebt verwundete und Todte auf und frisst sie. Die Gefangenen werden sammt den Viehherden zu demselben Grunde aufgespart. Einige wilde Völkerstämme machen es noch so. Bald aber gibt es einen Fortschritt. Man lässt ein Volk arbeiten und seine Produkte anhäufen, dann fällt man über dasselbe her, unterwirft es, nimmt sein Gebiet in Besitz, verschwendet seine Ersparnisse, verdammt es zur Sklaverei, und je nachdem man es von Nutzen findet oder nicht, lässt man dasselbe arbeiten oder legt ihm einen Tribut auf: so haben wir den Invasionskrieg, so haben wir die römische Republik in ihrem schönsten Glanze.

Heut zu Tage ist die Sache verwickelter. Der Krieg ist ein Folgesatz der Konkurrenz überhaupt und der internationalen Konkurrenz insbesondere. Die Bourgeoisie zweier Völker lässt für Eroberung eines “Waarenabsatzes” die Vöker hinschlachten. Gegenwärtig ist es für zwei Nationen, England und Russland, von Wichtigkeit, sich der Strasse nach Indien zu bemächtigen. Russland kann auf dem Wege durch Asien nicht leicht dahin gelangen; es müsste die dazwischenliegenden klienen Völkerschaften bekämpfen und besiegen; England begibt sich mit Umsegelung von Afrika auf dem Ozean dahin. Nun gibt es aber eine einfachere Strasse. Für England das mittelländische Meer, der Kanal von Suez, das rothe Meer; für Russland das schwerze Meer, den Bosphorus, das mittelländische Meer, der Kanal von Suez, das rothe Meer. England hat Gibralter und malta, die Schlüssel eines von den zwei Thoren des mittelländischen Meeres, in seinen Händen; der Czar will den Bosphorus, den Schlüssel zum anderen Thore haben, und so reizt der Czar die Serben und England den Türken auf. Daraus kann morgen ein allgemeiner europäischer Krieg entstehen. Dieser Krieg ist ein ökonomischer, ein Krieg für “Waaren-Absatz”.

Welche Mittel wendet man aber nun in allen jenen Kriegsfällen an, um den Arbeiter gegen den Arbeiter aufzureizen, da er nichts dabei gewinnen, sondern hingegen Alles dabei verlieren kann? Man reizt seinen Patriotismus. Den Patriotismus, fürwahr! Den Patriotismus, jene alberne Leidenschaft, die darin besteht, dass man in einem Menschen einen Feind erblickt, weil er anders gefärbte Hosen, rothe statt blaue trägt. Das “Vaterland” aber, wird man uns einwenden (nötigenfalls sogar mit Gesang), das “Vaterland” ist der Boden der Voreltern, das Haus, der Herd, die Familie? Ja, und weil das Vaterland alles das ist, so gibt es kein Vaterland für den Arbeiter. Der Arbeiter hat weder Haus, noch Land, nicht einmal die Werkstätte, worin er sich Andern zu Nutzen lendenlahm arbeitet! Die Familie? Redet nicht davon, ihr andern Bourgeois; denn nicht gegen Arbeiter, wie wir es sind, brauchen wir unsere Töchtern und unsere Schwestern zu vertheidigen, sondern gegen euch, gegen eure goldverbrämten Söhne, gegen euer Geld, eure Bestechung und Verführung! Also stillgeschwiegen!

Was muss man den thun, um den Krieg zu vermeiden? Nicht mehr reden, sondern handeln. Überall müssen Könige und Kaiser der Republik [sic!] Platz machen, ja wohl, aber unter Nationen und Individuen muss auch die Konkurrenz verschwinden, denn die Konkurrenz macht den Arbeiter verhungern und erwürgt die Völker. Und da wir zu jenem Zwecke von der Bourgeoisie gar keine Zugeständnisse zu erwarten haben, so bleibt nur ein Mittel gegen den Krieg übrig, nämlich den Krieg selbst. Dem Völkerkriege muss man den sozialen Krieg entgegesetzen.

Wir wollen uns daher auf diese Eventualität vorbereiten; denn wenn man den Horizont genau beobachtet, so sieht man schon auf den öffentlichen Plätze das Strassenpflaster zu Barrikaden werden und jene buntfarbigen Fahnen, ein wahrer Harlekin-Aufzug, ein historischer Seiltänzer, der rothen Fahne Platz machen, der rothen Fahne der Menschheit. Wir haben auch unsere Fahne und nebst der Fahne unsern Patriotismus. Ihr aber habt einen Nationalpatriotismus und wir den Patriotismus der Menschheit. Euer Vaterland ist enge und hört, wie der Dichter sagt, bei jenen blauen und rothen Streifen auf, die man auf den Landkarten sieht, das unserige aber ist so weit als die Welt. Es heisst: Internationale Arbeiter-Assoziation.

[Arbeiter-Zeitung. Erster Jahrgang. Spezial-Nummer. Bern, den 2. Sept. 1876]

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Die Langeweile und der Krieg

August 4th, 2022 Comments off

[Mal was anderes. Ein ganz amüsanter Text, der aber doch leider eine überraschenderweise tatsächlich ernste Sache behandelt. Aus prä-dadaistischer Sicht zeigt der Text wohl einiges auf, das vielleicht erahnen lässt, dass die direkte Ablösung des Corona-Tamtams durch das Kriegs-Trara doch den hiesigen Herren ganz gelegen kommt und einer gewissen logischen Folgerichtigkeit nicht unbedingt entbehrt. Ansonsten die zu Todlangeweile gelockdownten Massen sich vielleicht doch ihre Langeweile noch hätten auf eine Weise vertreiben können, die den Herrschenden hätte gefährlich werden können. Aber vielleicht mag sich das ja noch ändern?

Auch interessant, dass hier wohl einiges vorweggenommen wurde, was in der 2. Hälfte jenes Jahrhunderts gewisse symphatische Revolutionäre zum Ausgangspunkt ihrer Kritik machen sollten, als sie proklamierten: «Langeweile ist konterrevolutionär». Dabei sollte man natürlich die Klarheit haben, die organisierte Ablenkung nicht mit der Revolution zu verwechseln. Oder gar den Krieg.

Im übrigen handelt es sich vorliegend um die beste Version des Textes, welche in der «Kriegszeitung» Der Mistral erschien. Andere spätere Versionen des Textes lassen anarchistische Bezüge dann grösstenteils weg. Unterschlug Walter Serner später selber den Anarchismus, der auch um diese Publikation dampfte?]

Die Langeweile und der Krieg

Die Welt ist langweilig. Die Tatsache ist ebenso unbestreitbar wie ungenügend verbreitet.

Als das erste Gehirn auf den Globus geriet, erstaunte es über seine Anwesenheit und wusste mit sich und der Welt nichts anzufangen. Inzwischen hat man sich an das Gehirn gewöhnt, indem man es ignoriert, aus sich einen Geschäftemacher gemacht und aus der Welt ein Theater. Dieser immerhin nicht sonderlich heroische Ausweg aus einem sehr unterschätzten Dilemma ist gleichwohl nicht uninteressant und vollends unabsehbar. Denn nachweisbar fällt es manchem kräftigen Lokomotivführer jährlich wenigstens einmal ein, dass seine Beziehungen zur Lokomotive durchaus nicht zwingend sind und dass er von seiner Ehefrau nicht viel mehr weiss als nach jener warmen Nacht im Stadtpark. Und manch einer, der sich mehrfach sein Leben und Hab und Gut versichern lässt, bekommt im Bett eine Gänsehaut, wenn ihn ein böser Traum rüttelt und daran erinnert, dass er im Grunde nicht weiss, wofür er wuchert. Und kommt es besonders intensiv, so ist dem Menschen verteufelt unklar, warum er gerade jetzt im Zimmer steht und raucht, in ein Schaufenster glotzt und schnuppert, sich reden hört und die Lippen kräuselt, im Zirkus sitzt und einen Clown belacht. In diesen harmlosen Fällen ist die Möglichkeit, dass das penetrante Gefühl der Langeweile zu einem Gedanken über ihre Ursache sich erhebt, am grössten. Solch ein Augenblick gebiert den Desperado, der als Prophet, Hochstapler, Künstler, Anarchist oder Staatsmann Unfug treibt.

Der jeweilige Zustand der bewohnten Erdoberfläche ist also lediglich das folgerichtige Ergebnis einer unerträglich gewordenen Langeweile. Die beliebte Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation bricht sich in dieser Perspektive an der Grösse des Bedürfnisses, sich zu betäuben. Nur von diesem Ende aus ist es zu verstehen, dass Millionen Menschen dem Wink Einzelner, einander totzuschlagen, demütig, willig, oft sogar begeistert gehorchen. Sie wissen im Grunde eben nicht, wozu sie eigentlich da sind, was war und werden soll. Sie ahnen vielleicht dumpf, dass die Regisseure ihres Schlachtfeldtodes dieses Schauspiel ja nur inszenieren, weil auch sie mit sich nichts anzufangen wissen und lediglich die grössere Kraft mitbekamen, die Langeweile erfolgreicher und ausgiebiger sich zu vertreiben.

Hier wird es hell. Einer, der im Erleben der Sinnlosigkeit des Daseins die positive Geschäftigkeit der Dumpfen als Anregung verwendet, steht auf und propheteit ein Gott-System mit subjektiv-ehrlichen Erlöserabsichten, indem er dem jederzeit suggestiv aufzureizenden Gehirn ein Dogma einredet, das er selber anbetet, um die verzweifelte Qual der eigenen Langeweile verstummen zu machen. Ein anderer schreibt bloss ein dickes Buch über die letzten Dinge, die er nun nur noch empörender in ihrer Unlösbarkeit erkennt, oder wird, wenn es ihn ganz rabiat macht, Anarchist und Propagandeur der irrsinnigen Tat. Wieder einer eisenbahnkutschiert über den Kontinent, ist je nach dem Erfordernis Graf oder Einbrecher, Schieber oder Diplomat, Hazardeur oder Heiratsschwindler, Kuppler oder Regierungsrat, da allein diese vielseitige Tätigkeit sein ganz enormes Zerstreeungsbedürfnis befriedigt: ist er sehr begabt, so wird er Kaiser, und einmal im Besitz der Gewalt erhebt er sie flugs zum Axiom und glaubt nach einer Viertelstunde selbst daran, denn es ist befreiend und angenehm-abwechslungsreich; wird er schwächer geboren, so wird er Staatsmann und organisiert nun diesen ganzen Welttheaterbetrieb, den er durchschaut, wie etwa derjenige mit Vorliebe Voyeur ist und Casanova abschreibt, der es diesem Liebespapst nur im kleinsten Bruch nachtun kann. Viel gefährlicher und auch unsympathischer als alle, die auf der Flucht vor der Langeweile zur verzweifelten Tat übergehen, ist also der tatenschwache übellaunige, der Langeweile am bittersten ausgelieferte Staatsmann, der unter dem Vorwand, diese ihn kränkenden Taten zu verhindern, sie seinem Herrn frisch und flott arrangiert. Dabei vergisst er nicht, sich seiner von ihm beneideten Gesinnungsgenossen zu bedienen: er stellt den Hochstapler auf Gesandtschaftsposten und lässt ihn mit Hohn, aber doch auch mit geheimer Bewunderung bestrafen, wenn er ihn ohne Anstellung schieben sieht; er zapft den Künstler in Lesebücher ab, unterschlägt den Anarchismus, der um jedes echte Kunstwerk dampft, und präpariert die Köpfe der Jugend vollends zum langeweilefortheuchelnden Positivismus, indem er der Kirche auf die Schulter klopft, wenn sie Jesus zum Katechismus umlügt, und die Pressehallunken mit Checks ermuntert, den Geschäftemachern das Geschäftemachen zu erleichtern, um alle ganz in der Tasche zu haben; und er sperrt den Dieb ein und köpft den Mörder, da es nicht angeht, sporadisch zu gestatten, worauf en masse der ganze Schwindel angelegt ist.

Und siehe: Gestank kommt in die Welt und wird immer dicker. Alles wird selbstverständlich. Man lügt, betrügt, sauft, schläft bei, betet, ist je nach dem Erfordernis Diplomat oder Regierungsrat, Sänger oder Soldat und ähnliches, da allein diese vielseitige Tätigkeiten einem sein ganz enormes Zerstreuungsbedürfnis befriedigen können.

Aber das geschickt versteckte Gespenst der Langeweile steht weiss hinter allem und fängt sich

endlich mit einem kurzen Griff die ganze Bande. Der Staatsmann klingelt, der Vorhang geht auf: Krieg! Die Menschen in den Städten rennen durcheinander, erschreckt, kopflos, verwirrt. Wo ist ein Halt? Ein Feststehendes? Ein Punkt? Ein Zweck? Ein Ende? Aber das Arrangement ist gut: die Zeitungen schreien Hurrah und telephonieren mit dem Ministerium wegen der Motivierungs Phraseologie; Musik zieht auf und ersäuft jede Änderung; grosse Reden werden auskalkuliert, historisch-wertvoll gefeilt und in die nun berauschte Menge geträufelt; Hochämter inseriert und der liebe Gott wird persönlich bemüht, das Schlachten zu protegieren. Und alsbald, nach dieser tiefangelegten Reklame, platzen die ersten Granaten. Der Staatsmann in seiner Loge hat nun sein Spektakel, die Menschheit einen grausigen Zeitvertreib, und der grosse Tod, der Hunderttausende erlöst, verneigt sich vor der Langeweile, die schon nach dem ersten Akt Zuschauer und Akteure wieder befällt.

Ja, die Welt ist langweilig. Der Zeitpunkt, diese unbestreitbare Tatsache sich ganz zu eigen zu machen, ist günstig. Ich erhoffe mir von ihrer allgemeinen Verbreitung die wirksamste Bekämpfung der Langeweile.

Walter Serner

[Der Mistral. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Zürich, den 26. April 1915]

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