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October 4th, 2022 Comments off

 

[Ein leider vorerst nicht ganz genau datierbarer Fund, eine Übersetzung, erschienen in der Zeitung Information, die zeitweise den Untertitel Anarchistische Betrachtungen zur Politik, Geschichte und Literatur der Gegenwart führte, irgendwann zwischen 1955 und 1957 erschienen. Insgesamt treffend und zeitlos, ist er es allemal wert, dem Vergessen entrissen zu werden.]

 

Krieg und Frieden

Übersetzung aus der in London erscheinenden Zeitschrift “Man”

 

Während der letzten zwei Jahrzehnte haben wir uns so daran gewöhnt in einer Welt des Krieges oder der Bedrohung durch einen Krieg zu leben, daß wir begonnen haben, eine solche Situation beinah als normal zu betrachten. In einer Atmosphäre dauernder Krisen, Kriege und heißer Vorfälle hat ein aktiver Widerstand gegen den Krieg eine deutliche Neigung schwach zu werden, sogar bedeutungslos zu sein, obschon es scheint, daß der Kessel auf dem Punkte ist, jederzeit überzukochen. Bis heute hat er es noch nicht getan, mag er uns auch dann und wann bange machen, wenn sein Deckel klappert.

Als eine Folge dieser “Normalität” der Krisen verlieren Warnungen gegen die Gefahr des Krieges, seine Übel und gänzliche Unverantwortlichkeit, ihre Dringlichkeit und werden ein Teil der täglichen Klischees. Es ist wahr, daß Explosionen der A- und H-Bomben hysterische Wellen und Spannungen auslösen, aber nachdem die Versammlungen gehalten wurden, die Bittschriften unterzeichnet, die Wissenschaftler sich gezankt haben, glätten sich diese Wellen wieder. Sogar auf der Höhe einer solchen Panik fühlt man, daß hier etwas fehlt. Die Phrasen vom Frieden und von den Übeln des Krieges scheinen unwirklich, abgenutzt und verblaßt zu sein durch andauernden Gebrauch und andauernden Verrat. Man muß an die Versammlungen vor dem ersten Weltkriege denken, mit ihren Beschlüssen von internationaler Solidarität: man erinnert sich der Debatten und Demonstrationen zwischen 1918 und 1939, und der Gelübde, das Kämpfen abzulehnen. Und dann erinnert man sich, wie alles praktisch zwecklos war, die Massen gehorsam die Uniformen anzogen und wie sie sich gegenseitig abschlachteten auf Befehl ihrer Herrscher: mit Beifall begrüßt von vielen derjenigen, die vorher so laut nach Frieden schrien.

Auf diese Weise gefangen in einer für den Krieg gerüsteten Welt, zwischen der falschen Hoffnung, daß der Krieg abgewandt oder auf unbestimmte Zeit verschoben werden kann und dem niederdrückenden Wissen von den Mißerfolgen aller Anstrengungen für den Frieden wird man oft in die Verzweiflung gestürzt.

Was können wir, die Anarchisten, darauf antworten?

Wie wir es sehen, kann das Problem des Krieges nicht isoliert von den anderen sozialen Fragen betrachtet werden. Die Wurzeln des Krieges liegen in der heutigen sozialen Anordnung. Der Krieg ist heute notwendig für die kapitalistische Ökonomie. Ohne Krieg oder der Vorbereitung für einen Krieg würde es dem Kapitalismus unmöglich sein, die erzeugten Waren unterzubringen und die Vollbeschäftigung für seine Lohnsklaven aufrechzuerhalten oder die unheilvollen Preisstürze und Krisen abzuwenden, die vor 1939 charakterzeigend für seine Existenz waren. Es gibt keine Märkte mehr zu erobern, keine neuen Quellen von Rohmaterial, die nicht direkt oder indirekt unter der Kontrolle irgendeiner Macht stünden; die kapitalistischen Nationen sind in Verlegenheit. Einziger Weg aus dieser Verlegenheit ist der Krieg. Durch einen Krieg kann der “Überschuß” an Waren untergebracht werden und brauchbare Quellen für Material und “Reichtum” werden gewonnen. Das heißt nicht, daß die einzelnen Kapitalisten ihre Zeit damit verbringen, Kriege anzuzetteln oder wissentlich darauf hoffen, aber Krieg ist dem Mechanismus der Profit-Ökonomie angeboren und dem Staate der dieses unterstützt. Sogar wenn der Staat aufhörte, das ausführende Organ einer herrschenden Klasse zu sein und der politische und wirtschaftliche Herr der Gesellschaft wird, so kann er doch nicht die Notwendigkeit eines Krieges vermeiden als das letzte Instrument im Kampfe um die Weltherrschaft.

Natürlich gibt es viele, besonders unter den Pazifisten, die im Grunde mit dieser Analyse einverstanden sind, aber die anführen, daß der Krieg das größte Übel unserer Zeit sei und darum mit allen Mitteln versucht werden müsse, einen Krieg zu verhindern. Deshalb ihre Verteidigungen der Zusammenkünft von Staatsmännern mit den Versuchen durch Verhandlungen die A- und H-Bomben zu ächten, Unterstützung der UNO und Forderung einer Weltregierung. Gewiß, auf den ersten Blick scheinen solche Vorschläge viel praktischer zu sein denn die Haltung der “Puritaner”, die den Krieg als eine Folge des Staats- und Eigentums-Systems ansehen und seine Abschaffung als untrennbar von der Abschaffung dieser Systeme. Schaut man unter das Flittergold dieser praktischen Pläne, dann kann man sehen, daß sie auf falschen Grundlagen stehen.

Wie schon bereits gesagt wurde, wurzelt der Krieg in dem heutigen Gesellschafts-System und er zieht seine Nahrung aus dem Grundsatz der Autorität und der Beherrschung und Ausbeutung die es erzeugt.

Es genügt nicht, daß man bei einem Unkraut bloß die Blätter abschneidet, man muß auch die Wurzeln ausrotten wenn man es vernichten will. Wiederum ist es die Höhe der Unwirklichkeit, von einer solchen Einrichtung wie dem Staat, der gegründet wurde um Krieg zu führen, zu erwarten, daß er ein Mittel zum Frieden sein könne. Von Staatsmännern erwarten, die nicht gezögert haben zwei Weltkriege zu führen und beschäftigt sind einen dritten vorzubereiten, daß diese den Grund ihrer Existenz beseitigen, der muß der größte Tropf sein.

Die naive Haltung derjenigen, die annehmen, daß der politische Leopard seine Flecken ändere, ist ebenso albern wie die jener, welche glauben, daß die furchtbare Zerstörungskraft der modernen Waffen einen Krieg verhindern wird. Dieses könnte etwas Glaubwürdiges haben, wenn die Menschen, die im Kommando der militärischen Maschine sind, vernünftige Menschen wären, aber wie ihr Betragen in letzter Zeit gezeigt hat, sind sie es nicht – sondern sie sind geistig Kranke.

Die Ursache der augenscheinlichen Unwirksamkeit der heutigen Anstrengungen für Frieden liegt in der Oberflächlichkeit der Einschätzung derjenigen, welche dem Krieg entgegentreten. Der Kampf für die Abschaffung des Krieges muß verbunden werden mit dem Kampf gegen das heutige unsoziale System. Individueller und kollektiver Widerstand gegen Militarismus und Staat müssen gegründet werden auf das Verständnis, daß Krieg die Natur des Staates ist und seinem Fortkommen dient. Widerstand gegen den Krieg kann nicht getrennt werden vom Widerstand gegen die Autorität. Im Verkehr und in den Beziehungen zwischen Menschen ist stets der Grundsatz der Autorität, daß Menschen zur Herrschaft kommen über ihre Mitmenschen und auf diese Weise den bösartigen Kreislauf des Konkurrenzkampfes in Bewegung setzen, der zum Kriege führt. Wir Anarchisten lehnen Vorrechte und Macht ab. Wir streben weder Herrenmenschen noch Massenmenschen zu sein, wir wollen freie Menschen sein. In der Gesellschaft, die wir uns wünschen, ist alle Autorität der Menschen über Menschen abgeschaft und die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse wird erlangt durch freiwillige Zusammenarbeit unabhängiger Menschen. Krieg, Produkt des konkurrierenden ökonomischen Systems, aufrechterhalten durch den Zwang der Regierungen und den Gehorsam der Massen, hat logischerweise keinen Platz in der freien Gesellschaft der Anarchie. Der Friede wird herrschen, wenn Menschen ablehnen weder Herrscher noch Beherrschte, weder Ausbeuter noch Ausgebeutete zu sein. In der Zwischenzeit ist es unsere Aufgabe sowohl dem Krieg als auch dem sogar Frieden genannten Ruhezustand der Autorität entgegenzutreten. Wir müssen mit unserem eigenen Ungehorsam die soziale Revolution beginnen, den grundsätzlichen Wechsel im menschlichen Verkehr und in den menschlichen Beziehungen verwirklichen, welcher allein Garantie ist für den Frieden und die Brüderlichkeit in unserer Welt.

S. E. Parker

 

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Anarchistische Position zum Krieg

August 5th, 2022 Comments off

[Zwei Resolutionen, welche auf der Internationalen Anarchistischen Konferenz in Frankreich im Mai 1948 angenommen wurde.]

Anarchistische Position zum Krieg

Schon lange vor der zweite Weltkrieg erklärt wurde, wurden die aktivsten unserer Gruppen und Föderationen die Opfer von derartigen Verfolgungen (Gefangennahme, Konzentrationslager, etc.), dass es für die Anarchisten unmöglich war, als die Kriegserklärung kam, irgendeine weitverbreitete koordinierte Aktion zu versuchen.

Im Versuch, Gefängnis oder Tod zu entgehen, oder in der Absicht, den Fall der unterdrückenden Mächte zu beschleunigen, wurden Anarchisten dazu verleitet, in einer aktiven oder passiven Rolle am Krieg teilzunehmen. Ein paar Wenige fahren sogar noch heute, nach dem Konflikt, damit fort, die Demokratien zu unterstützen, unter dem Vorwand, dass die erstrangige Aufgabe der Wiederaufbau der Gesellschaft sei.

Der Internationale Anarchistische Kongress, anerkennend, dass individueller und massenhafter Widerstand gegen den Krieg, in all seinen Formen, in Zukunft fruchtvollere Möglichkeiten erschaffen kann, lenkt die Aufmerksamkeit von Kämpfern und anarchistischen Organisationen auf das Interesse, dass in Friedenszeiten an der Studie des Problems der Nichtteilnahme am Krieg genommen werden sollte; und darauf, sowohl auf individueller Ebene wie auf jener der Gruppen konkrete Haltungen in Bezug auf eine solche Eventualität zu formulieren. Unter den Kampfmethoden gegen Krieg die die Aufmerksamkeit der Anarchisten verdienen, könnte man den Generalstreik, Sabotage, zivilen Ungehorsam, bestimmte Formen der Kriegsdienstverweigerung, etc. nennen.

Die Anarchisten müssen jegliche Verwirrung vermeiden und sich gegen jeden Krieg erklären, wie sehr auch immer er vorgibt, ein demokratischer Kampf gegen Totalitarismus zu sein. Sie sollten sich nicht davon abbringen lassen, im Kriegsfall, ihren unabhängigen Kampf fortzuführen, kompromisslos, mit freiheitlichen Methoden, gegen alle Formen der Unterdrückung.

*

Position gegenüber der U.N.O. und den Bewegungen für die Vereinigten Staaten von Europa, eine Europäische Föderation, etc.

Die Anarchisten verurteilen den Mythos eines universellen Friedens der auf der Vortäuschung einer Vereinigung zwischen Staaten basiert.

[Übersetzung von: The International Congress – 3; in: Freedom. Anarchist Fortnightly, April 1st 1950]

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Gehorsamsverweigerung

August 5th, 2022 Comments off

[Der Text vertritt zwar einen allzu pragmatischen und nicht unbedingt revolutionären Defätismus, aber sei hier all jenen nahegelegt, die glauben, die Vaterlandsverteidigung, oder sei es auch nur die Vaterstadtsverteidigung seie eine logische Handlung für Anarchisten, verbessere irgendwie die Lage. Denn gerade diese Vorstellung wird allzu oft für voll genommen, man hält sie für richtig, glaubt dem Augenschein, der aber eben gerade in solchen Fällen oft trügt. Was die Frage betrifft, die als Rechtfertigung oft beschworen wird, ob der Besatzer etwa der Exilanten und gewisser Minderheiten, auf die er abzielt, so nicht sofort habhaft werden könnte, so fragt es sich, wieso Anarchisten nicht gerade hier einen der klassisch aufständischen Vorschläge realisieren sollten, nämlich: das Freudenfeuer mit allen Staatspapieren (bzw. moderner Dateien), egal wer es gerade ist, der darauf Zugriff hat. Wäre das denn so unlogisch? So unwirksam? Wofür lohnt es sich denn wirklich, als Anarchist sein Leben aufs Spiel zu setzen?

Und man müsste vielleicht auch hier noch anmerken, dass eine zur Vaterlandsverteidigung militarisierte und mobilgemachte Örtlichkeit dadurch durchaus nicht repressionsfreier würde, ja, meist gerade zu diesen Zwecken die autoritären Massregeln, Ausgangssperren und sogar das Standrecht eingeführt werden… dass man also zur Verteidigung vor der brutalen Diktatur, die man fürchtet… gerade eine solche Diktatur errichtet. Wieso dies aktuell in der Ukraine anders sein soll?]


 

Gegen Militarismus und Krieg

Gehorsamsverweigerung

Ein Land, das eine Armee hält, hält den Krieg. Das alte Schlagwort «Si vis pacem para bellum» («Willst Du den Frieden, bereite den Krieg vor!») ist von den Tatsachen regelmässig widerlegt worden. Alle Nationen gebrauchen es und befolgen es und zerfleischen sich schliesslich gegenseitig in nutzlosester und verbrecherischer Weise…

Mit dem Anwachsen der modernen Zerstörungsmittel wird gerade ein Land, das von keiner Armee verteidigt wird, am besten davonkommen. Selbst wenn man annimmt, dass das Land eine Besetzung nicht vermeiden kann, so ist es wenigstens nicht von totaler Vernichtung bedroht. Das Schicksal Dänemarks war im letzten Krieg, in dem es kampflos besetzt wurde, besser als das Belgiens und Hollands, die sich geschlagen haben. Die offenen Staaten, die ihren Ländern den Krieg erspart haben, hatten die am wenigsten rigorose Besatzung.

Und im Kriege selbst, wenn Tod und Verderben wüten und weder Niederlage, noch Abhängigkeit, weder Invasionen noch Besetzungsjahre ausgeschlossen werden können, bleibt den Generalstäben zur Rettung einer Stadt nur ein einziges Mittel übrig: die militärische Verteidigung der betreffenden Stadt aufzugeben und die Stadt als offen zu erklären.

Und dieses Mittel propagieren die Gehorsamsverweigerer aus Gewissensgründen zur Rettung aller Länder und aller Städte der Welt: Aufgeben jeder militärischen Verteidigungsabsicht! Denn nur auf diese Weise kann die Zerstörung vermieden werden.

Als Herr Paul Reynaud 1940 durch den Rundfunk bekannt gab, dass Paris Strasse um Strasse, Haus um Haus verteidigt würde, begriffen die Pariser, dass, dank der unfassbaren Verirrung der Zentralgewalt, nicht nur Paris, sondern die ganze Heimat sich in einen Friedhof verwandeln würde.

Paris war zu spät zur offenen Stadt erklärt worden – wie wenn man sich gescheut hätte, die Stadt zu retten – und die Pariser wurden von Paul Reynaud auf die Landstrassen getrieben, wo sie im ganzen übrigen Land, das militärisch verteidigt, also vollkommen unsicher wurde, den Bombenangriffen ausgesetzt waren.

Der (französische) General Hering rettete die Stadt, indem er sie mit seinen Truppen verliess, und ebenso rettete sie (1944) der deutsche General Choltitz zum zweitenmal, indem er die Befehle der deutschen Regierung, Paris Haus um Haus und Stein um Stein zu verteidigen, nicht befolgte.

Ebenso hat der Bürgermeister von Chartres im Juni 1940 zur Verteidigung und Rettung seiner bombardierten Stadt die Initiative ergriffen, den Deutschen entgegenzugehen und Chartres zur offenen Stadt zu erklären. Die Kommunalverwaltung dieser Stadt hat seither eine Reihe anderer ziviler Verteidigungsmassnahmen getroffen, die allen geopferten Städten der Welt als Beispiel gegen die nationalistischen Zentralgewalten dienen sollten.

Man vergisst zu leicht, dass es auf Erden nur Städte und Dörfer mit ihren Bewohnern gibt und dass der Zentralstaat an und für sich nicht existiert. Die Administrationen und die Büros sind ja keine Lebewesen.

Wann immer eine Stadt gerettet wurde, so trotz und gegen den Willen der Regierungen.

Und das war vor Hiroshima. Wie wird es nachher sein?

Emil VERAN

[Neue Generation. Januar 1950. N° 1 (Jan Kolthek, Nwe Heerengracht 35, Amsterdam C, Holland)]

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Der Krieg

August 4th, 2022 Comments off

[Auch diesen Artikel aus einer Kriegs-Sondernummer der ersten deutschsprachigen anarchistischen Zeitung, der Arbeiter-Zeitung, wollen wir euch nicht vorenthalten, auch wenn er einige Aspekte enthält, die man in der Zeit sehen muss. Etwa missverständliche Bezüge auf “Republik”, die keinesfalls in jenem Sinne zu verstehen sind, wie irgendwelche Hornochsen heute versuchen, ihre Teilnahme an Kriegen für die realexistierende Demokratie zu rechtfertigen, trotzdem die Referenz auf eine noch etwas unausgegorene Haltung hindeutet. Oder die rote Fahne, die damals noch nicht ausschliesslich vom Marxismus rekuperiert war. Die Ausgabe erschien auch auf französisch als Journal des ouvrieres, und wurde speziell gegen die nationalistische Sedan-Feier veröffentlicht. Die Internationale Arbeiter-Assoziation bzw. die Juraföderation, die hier pathetisch propagiert wird, sollte Keimzelle der spezifisch anarchistischen Bewegung werden, welche sich dann mehr und mehr von Formalitäten wegbewegte. Es lohnt sich vielleicht, darauf hinzuweisen, dass in der anarchistischen Zeitung In der Tat eine zweiteilige Abhandlung über die Arbeiter-Zeitung erschien, der bisher einzige Versuch, diese für das Verständnis der Anfänge des deutschsprachigen Anarchismus eigentlich unausweichbare Publikation, ihren Kreis und ihre Aktivität zu behandeln.]

Der Krieg

In der menschlichen Industrie existirt ein besonderes Handwerk, und zwar ein Handwerk, das besser organisirt ist, als alle andern, weil in allen Ländern die Bourgeoisie dasselbe mit neidischer Sorgfalt pflegt. Arbeiter, Werkzeug, Areitstheilung, Kollektivkraft, Maschinen, nebst Allem, was dieses handwerk besitzt, doch dieses Handwerk schafft nicht Leben! Nein es tödtet!

Bei diesem handwerke ist der Arbeiter Soldat; bei diesem Handwerke ist das Werkzeug die Flinte oder der Säbel; bei diesem Handwerke entstehen durch die Theilungsarbeit Regimenter, und die bei denselben angewandten Maschinen sind jene fürchterlichen Erzeugnisse, die Mitraillöse und die Kanone. Dieses Handwerk verbreitet Verheerung in allem auf Erden Bestehendem, Zerstörung von Menschen und Dingen, verbreitet… lauter Tod.

Dieses Handwerk heisst Krieg.

Von jeher, sowie heute, protestiren die Arbeiter gegen den Krieg, wovon sie die Kosten tragen, und reichten einander über die Grenze hinüber die Hand. Und dennoch folgt ein Krieg auf den andern, man führt ihn so häufig wie früher, und die Kriege werden grässlicher. Auf den österreichisch-preussischen Krieg von 1866 folgt der noch blutigere von 1870. Heute protestiren wir wieder! Morgen vielleicht sieht das alte Europa eine Schlächterei, die an Gräueln Alles übertreffen wird, was nur die düstere Phantasie erträumen kann.

Ach! Damit Etwas verschwinde, ist es nicht genug damit gethan, dass man es verwünsche. Auf Worte, auf Gefühle müssen Handlungen folgen. Mit den Versammlungen, die man veranstaltet, um gegen den Krieg zu protestiren, genügt es nicht. Um die Ursache davon zu ergründen, dazu soll man auch zusammenkkommen. Sich in einer Anwandlung von gegenseitiger Begeisterung die Arme entgegenstrecken, damit ist es nicht gethan, man muss sich vielmehr fest bei der Hand fassen, um mitsammen und in geschlossenen Reihen voranzugehen. Zusammenkünfte (und viele, wenn es sein muss!), um die tiefen sozialen Wurzeln des Krieges aufzufinden; inniges Zusammenhalten zu deren Ausrottung, sobald sie aufgefunden sind.

Welche sind denn die Ursachen des Krieges? Die Jedermann bekannte menschenfreundliche Bourgeoisie schiebt die Schuld von allen Kriege auf Könige, Kaiser und Fürsten. “Jagt Fürsten, Kaiser und Könige fort”, sagt sie, “so bekommt ihr keine Kriege mehr.” Das ist nun aber ein Irrthum oder eine Lüge. Ja freilich, wir wissen es wohl, dass der König von Preussen es einsah, er müsse, um deutscher Kaiser zu werden, im Blute watten, und dass er sich nicht lange bedachte; wir erinnern uns, dass Bonaparte, um seine wankende Macht zu erhalten, den Krieg erklärte. Eine Krone erwerben oder retten, ist ein hinlänglicher Grund zur Erwürgung der Völker. Das Übel hat aber noch tiefere Wurzeln. Höhret und vernehmet sie. Verjaget die Könige, ersetzet über all die Kaiserreiche durch Republiken, lasset die stehenden Heere verschwinden, ersetzet dieselben durch Landmilizen; wenn ihr dann dieses Säuberungswerk vollbracht habt und die jetzige ökonomische Organisation nicht umwandelt, so habt ihr den Krieg unter der Republik, so wie in Amerika, eben so wohl und eben so oft, als unter dem Königthume oder dem Kaiserreiche. Warum? Weil der Krieg weit mehr von der ökonomischen als von der politischen Organisation der menschlichen Gesellschaft herrührt.

Im Anfang bildet der Krieg unter den Menschen eine Art von Jagd, eine Jagd auf Menschen. Man macht Gefangene, man hebt verwundete und Todte auf und frisst sie. Die Gefangenen werden sammt den Viehherden zu demselben Grunde aufgespart. Einige wilde Völkerstämme machen es noch so. Bald aber gibt es einen Fortschritt. Man lässt ein Volk arbeiten und seine Produkte anhäufen, dann fällt man über dasselbe her, unterwirft es, nimmt sein Gebiet in Besitz, verschwendet seine Ersparnisse, verdammt es zur Sklaverei, und je nachdem man es von Nutzen findet oder nicht, lässt man dasselbe arbeiten oder legt ihm einen Tribut auf: so haben wir den Invasionskrieg, so haben wir die römische Republik in ihrem schönsten Glanze.

Heut zu Tage ist die Sache verwickelter. Der Krieg ist ein Folgesatz der Konkurrenz überhaupt und der internationalen Konkurrenz insbesondere. Die Bourgeoisie zweier Völker lässt für Eroberung eines “Waarenabsatzes” die Vöker hinschlachten. Gegenwärtig ist es für zwei Nationen, England und Russland, von Wichtigkeit, sich der Strasse nach Indien zu bemächtigen. Russland kann auf dem Wege durch Asien nicht leicht dahin gelangen; es müsste die dazwischenliegenden klienen Völkerschaften bekämpfen und besiegen; England begibt sich mit Umsegelung von Afrika auf dem Ozean dahin. Nun gibt es aber eine einfachere Strasse. Für England das mittelländische Meer, der Kanal von Suez, das rothe Meer; für Russland das schwerze Meer, den Bosphorus, das mittelländische Meer, der Kanal von Suez, das rothe Meer. England hat Gibralter und malta, die Schlüssel eines von den zwei Thoren des mittelländischen Meeres, in seinen Händen; der Czar will den Bosphorus, den Schlüssel zum anderen Thore haben, und so reizt der Czar die Serben und England den Türken auf. Daraus kann morgen ein allgemeiner europäischer Krieg entstehen. Dieser Krieg ist ein ökonomischer, ein Krieg für “Waaren-Absatz”.

Welche Mittel wendet man aber nun in allen jenen Kriegsfällen an, um den Arbeiter gegen den Arbeiter aufzureizen, da er nichts dabei gewinnen, sondern hingegen Alles dabei verlieren kann? Man reizt seinen Patriotismus. Den Patriotismus, fürwahr! Den Patriotismus, jene alberne Leidenschaft, die darin besteht, dass man in einem Menschen einen Feind erblickt, weil er anders gefärbte Hosen, rothe statt blaue trägt. Das “Vaterland” aber, wird man uns einwenden (nötigenfalls sogar mit Gesang), das “Vaterland” ist der Boden der Voreltern, das Haus, der Herd, die Familie? Ja, und weil das Vaterland alles das ist, so gibt es kein Vaterland für den Arbeiter. Der Arbeiter hat weder Haus, noch Land, nicht einmal die Werkstätte, worin er sich Andern zu Nutzen lendenlahm arbeitet! Die Familie? Redet nicht davon, ihr andern Bourgeois; denn nicht gegen Arbeiter, wie wir es sind, brauchen wir unsere Töchtern und unsere Schwestern zu vertheidigen, sondern gegen euch, gegen eure goldverbrämten Söhne, gegen euer Geld, eure Bestechung und Verführung! Also stillgeschwiegen!

Was muss man den thun, um den Krieg zu vermeiden? Nicht mehr reden, sondern handeln. Überall müssen Könige und Kaiser der Republik [sic!] Platz machen, ja wohl, aber unter Nationen und Individuen muss auch die Konkurrenz verschwinden, denn die Konkurrenz macht den Arbeiter verhungern und erwürgt die Völker. Und da wir zu jenem Zwecke von der Bourgeoisie gar keine Zugeständnisse zu erwarten haben, so bleibt nur ein Mittel gegen den Krieg übrig, nämlich den Krieg selbst. Dem Völkerkriege muss man den sozialen Krieg entgegesetzen.

Wir wollen uns daher auf diese Eventualität vorbereiten; denn wenn man den Horizont genau beobachtet, so sieht man schon auf den öffentlichen Plätze das Strassenpflaster zu Barrikaden werden und jene buntfarbigen Fahnen, ein wahrer Harlekin-Aufzug, ein historischer Seiltänzer, der rothen Fahne Platz machen, der rothen Fahne der Menschheit. Wir haben auch unsere Fahne und nebst der Fahne unsern Patriotismus. Ihr aber habt einen Nationalpatriotismus und wir den Patriotismus der Menschheit. Euer Vaterland ist enge und hört, wie der Dichter sagt, bei jenen blauen und rothen Streifen auf, die man auf den Landkarten sieht, das unserige aber ist so weit als die Welt. Es heisst: Internationale Arbeiter-Assoziation.

[Arbeiter-Zeitung. Erster Jahrgang. Spezial-Nummer. Bern, den 2. Sept. 1876]

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Die Langeweile und der Krieg

August 4th, 2022 Comments off

[Mal was anderes. Ein ganz amüsanter Text, der aber doch leider eine überraschenderweise tatsächlich ernste Sache behandelt. Aus prä-dadaistischer Sicht zeigt der Text wohl einiges auf, das vielleicht erahnen lässt, dass die direkte Ablösung des Corona-Tamtams durch das Kriegs-Trara doch den hiesigen Herren ganz gelegen kommt und einer gewissen logischen Folgerichtigkeit nicht unbedingt entbehrt. Ansonsten die zu Todlangeweile gelockdownten Massen sich vielleicht doch ihre Langeweile noch hätten auf eine Weise vertreiben können, die den Herrschenden hätte gefährlich werden können. Aber vielleicht mag sich das ja noch ändern?

Auch interessant, dass hier wohl einiges vorweggenommen wurde, was in der 2. Hälfte jenes Jahrhunderts gewisse symphatische Revolutionäre zum Ausgangspunkt ihrer Kritik machen sollten, als sie proklamierten: «Langeweile ist konterrevolutionär». Dabei sollte man natürlich die Klarheit haben, die organisierte Ablenkung nicht mit der Revolution zu verwechseln. Oder gar den Krieg.

Im übrigen handelt es sich vorliegend um die beste Version des Textes, welche in der «Kriegszeitung» Der Mistral erschien. Andere spätere Versionen des Textes lassen anarchistische Bezüge dann grösstenteils weg. Unterschlug Walter Serner später selber den Anarchismus, der auch um diese Publikation dampfte?]

Die Langeweile und der Krieg

Die Welt ist langweilig. Die Tatsache ist ebenso unbestreitbar wie ungenügend verbreitet.

Als das erste Gehirn auf den Globus geriet, erstaunte es über seine Anwesenheit und wusste mit sich und der Welt nichts anzufangen. Inzwischen hat man sich an das Gehirn gewöhnt, indem man es ignoriert, aus sich einen Geschäftemacher gemacht und aus der Welt ein Theater. Dieser immerhin nicht sonderlich heroische Ausweg aus einem sehr unterschätzten Dilemma ist gleichwohl nicht uninteressant und vollends unabsehbar. Denn nachweisbar fällt es manchem kräftigen Lokomotivführer jährlich wenigstens einmal ein, dass seine Beziehungen zur Lokomotive durchaus nicht zwingend sind und dass er von seiner Ehefrau nicht viel mehr weiss als nach jener warmen Nacht im Stadtpark. Und manch einer, der sich mehrfach sein Leben und Hab und Gut versichern lässt, bekommt im Bett eine Gänsehaut, wenn ihn ein böser Traum rüttelt und daran erinnert, dass er im Grunde nicht weiss, wofür er wuchert. Und kommt es besonders intensiv, so ist dem Menschen verteufelt unklar, warum er gerade jetzt im Zimmer steht und raucht, in ein Schaufenster glotzt und schnuppert, sich reden hört und die Lippen kräuselt, im Zirkus sitzt und einen Clown belacht. In diesen harmlosen Fällen ist die Möglichkeit, dass das penetrante Gefühl der Langeweile zu einem Gedanken über ihre Ursache sich erhebt, am grössten. Solch ein Augenblick gebiert den Desperado, der als Prophet, Hochstapler, Künstler, Anarchist oder Staatsmann Unfug treibt.

Der jeweilige Zustand der bewohnten Erdoberfläche ist also lediglich das folgerichtige Ergebnis einer unerträglich gewordenen Langeweile. Die beliebte Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation bricht sich in dieser Perspektive an der Grösse des Bedürfnisses, sich zu betäuben. Nur von diesem Ende aus ist es zu verstehen, dass Millionen Menschen dem Wink Einzelner, einander totzuschlagen, demütig, willig, oft sogar begeistert gehorchen. Sie wissen im Grunde eben nicht, wozu sie eigentlich da sind, was war und werden soll. Sie ahnen vielleicht dumpf, dass die Regisseure ihres Schlachtfeldtodes dieses Schauspiel ja nur inszenieren, weil auch sie mit sich nichts anzufangen wissen und lediglich die grössere Kraft mitbekamen, die Langeweile erfolgreicher und ausgiebiger sich zu vertreiben.

Hier wird es hell. Einer, der im Erleben der Sinnlosigkeit des Daseins die positive Geschäftigkeit der Dumpfen als Anregung verwendet, steht auf und propheteit ein Gott-System mit subjektiv-ehrlichen Erlöserabsichten, indem er dem jederzeit suggestiv aufzureizenden Gehirn ein Dogma einredet, das er selber anbetet, um die verzweifelte Qual der eigenen Langeweile verstummen zu machen. Ein anderer schreibt bloss ein dickes Buch über die letzten Dinge, die er nun nur noch empörender in ihrer Unlösbarkeit erkennt, oder wird, wenn es ihn ganz rabiat macht, Anarchist und Propagandeur der irrsinnigen Tat. Wieder einer eisenbahnkutschiert über den Kontinent, ist je nach dem Erfordernis Graf oder Einbrecher, Schieber oder Diplomat, Hazardeur oder Heiratsschwindler, Kuppler oder Regierungsrat, da allein diese vielseitige Tätigkeit sein ganz enormes Zerstreeungsbedürfnis befriedigt: ist er sehr begabt, so wird er Kaiser, und einmal im Besitz der Gewalt erhebt er sie flugs zum Axiom und glaubt nach einer Viertelstunde selbst daran, denn es ist befreiend und angenehm-abwechslungsreich; wird er schwächer geboren, so wird er Staatsmann und organisiert nun diesen ganzen Welttheaterbetrieb, den er durchschaut, wie etwa derjenige mit Vorliebe Voyeur ist und Casanova abschreibt, der es diesem Liebespapst nur im kleinsten Bruch nachtun kann. Viel gefährlicher und auch unsympathischer als alle, die auf der Flucht vor der Langeweile zur verzweifelten Tat übergehen, ist also der tatenschwache übellaunige, der Langeweile am bittersten ausgelieferte Staatsmann, der unter dem Vorwand, diese ihn kränkenden Taten zu verhindern, sie seinem Herrn frisch und flott arrangiert. Dabei vergisst er nicht, sich seiner von ihm beneideten Gesinnungsgenossen zu bedienen: er stellt den Hochstapler auf Gesandtschaftsposten und lässt ihn mit Hohn, aber doch auch mit geheimer Bewunderung bestrafen, wenn er ihn ohne Anstellung schieben sieht; er zapft den Künstler in Lesebücher ab, unterschlägt den Anarchismus, der um jedes echte Kunstwerk dampft, und präpariert die Köpfe der Jugend vollends zum langeweilefortheuchelnden Positivismus, indem er der Kirche auf die Schulter klopft, wenn sie Jesus zum Katechismus umlügt, und die Pressehallunken mit Checks ermuntert, den Geschäftemachern das Geschäftemachen zu erleichtern, um alle ganz in der Tasche zu haben; und er sperrt den Dieb ein und köpft den Mörder, da es nicht angeht, sporadisch zu gestatten, worauf en masse der ganze Schwindel angelegt ist.

Und siehe: Gestank kommt in die Welt und wird immer dicker. Alles wird selbstverständlich. Man lügt, betrügt, sauft, schläft bei, betet, ist je nach dem Erfordernis Diplomat oder Regierungsrat, Sänger oder Soldat und ähnliches, da allein diese vielseitige Tätigkeiten einem sein ganz enormes Zerstreuungsbedürfnis befriedigen können.

Aber das geschickt versteckte Gespenst der Langeweile steht weiss hinter allem und fängt sich

endlich mit einem kurzen Griff die ganze Bande. Der Staatsmann klingelt, der Vorhang geht auf: Krieg! Die Menschen in den Städten rennen durcheinander, erschreckt, kopflos, verwirrt. Wo ist ein Halt? Ein Feststehendes? Ein Punkt? Ein Zweck? Ein Ende? Aber das Arrangement ist gut: die Zeitungen schreien Hurrah und telephonieren mit dem Ministerium wegen der Motivierungs Phraseologie; Musik zieht auf und ersäuft jede Änderung; grosse Reden werden auskalkuliert, historisch-wertvoll gefeilt und in die nun berauschte Menge geträufelt; Hochämter inseriert und der liebe Gott wird persönlich bemüht, das Schlachten zu protegieren. Und alsbald, nach dieser tiefangelegten Reklame, platzen die ersten Granaten. Der Staatsmann in seiner Loge hat nun sein Spektakel, die Menschheit einen grausigen Zeitvertreib, und der grosse Tod, der Hunderttausende erlöst, verneigt sich vor der Langeweile, die schon nach dem ersten Akt Zuschauer und Akteure wieder befällt.

Ja, die Welt ist langweilig. Der Zeitpunkt, diese unbestreitbare Tatsache sich ganz zu eigen zu machen, ist günstig. Ich erhoffe mir von ihrer allgemeinen Verbreitung die wirksamste Bekämpfung der Langeweile.

Walter Serner

[Der Mistral. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Zürich, den 26. April 1915]

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Antimilitarismus und Revolution.

June 20th, 2022 Comments off

[Die historischen Ähnlichkeiten sind offensichtlich, das jeweils Zeitspezifische bzw. Allgemeingültige kann sich wohl jeder selbst zusammenreimen. Die Vergleichbarkeit z.B. von Deutschland und Russland, oder Ukraine und Frankreich, ist augenscheinlich, hat aber natürlich auch ihre Tücken… wertvoll genug scheint uns der Text ohnehin.

Trotz der pazifistischen Tendenzen, trotz syndikalistischer Neigung, scheint der Text auch für einen aufständischen Antimilitarismus gültig zu sein… Das Thema scheint auch vor allem das ewige Verhängnis der Verstrickung in territoriale Konflikte, der verirrten Vorstellung, Revolutionen und Aufstände anhand der klassischen Militärstrategie verteidigen zu können… Und ausserdem: Kropotkins Haltung degenerierte früher, als man gemeinhin glaubt.]

Antimilitarismus und Revolution.

In einem Briefe an „Les Temps Nouveaux“ (seinerzeit als „Le Revolté“ von Kropotkin und seinen Freunden gegründet) und in einem zweiten an den bürgerlichen „Temps“, der aber nicht veröffentlicht wurde, nimmt Peter Kropotkin Stellung zur antimilitaristischen Propaganda. Es handelt sich in erster Linie um die Frage, wie sich die Revolutionäre im Falle eines Krieges zu verhalten hätten, und hier nimmt Kropotkin eine gerade entgegengesetzte Stellung zu der antimilitaristischen Richtung, die in letzter Zeit in dem Professor Hèrvé einen energischen Vertreter gefunden. Während diese Letztere für die vollständige Unterdrückung des Militarismus eintritt und selbst im Falle eines „Verteidigungskrieges“ mit dem Streike der Militärpflichtigen antworten will, tritt Ersterer für eine bedingte Beibehaltung des Militärs ein, welches Frankreich, das daran ist, die Grundlagen seiner Gesellschaftsform zu ändern, gegen Angriffe von reaktionären Feinden, unter welchen er hauptsächlich die Deutschen versteht, zu schützen hätte.

Nach unserer Ansicht beruhen die Schlüsse, welche Kropotkin zieht, auf einer allzustarken Unterschätzung der Deutschen, was man ihm aber wahrlich nicht übel nehmen kann; waren es doch die „Germanen“, welche stets wie ein Bleigewicht auf den Gang der internationalen Arbeiterbewegung wirkten. Ganz so pessimistisch denken wir jedoch nicht, vielleicht eben weil wir „Deutsche“ sind, sonst hätten wir es schon längst aufgegeben, unter einer solchen elenden Schafherde Propaganda zu machen.

Nun ist zu sagen, dass, seitdem Russland aufgehört hat, eine stete Bedrohung der freiheitlichen Bewegung in Westeuropa zu sein – was man heute schon mit Bestimmtheit sagen kann – ist es auch Deutschland nicht mehr in dem Masse, weil es an „Rückgrat“ verloren hat. Es wird bald damit genug zu tun haben, die „eigenen Völker“, namentlich die Polen in der Zucht zu halten, dass es sich nicht mehr erlauben kann, ein grosses Volk, das sich zudem noch im Befreiungskampfe befindet, zu unterjochen.

An die Ausführungen von Kropotkin knüpfen sich eine Reihe von Auseinandersetzungen, und es ist auch für uns Schweizer nicht unnützlich, der Sache näher zu treten und sich darüber gründlich auszusprechen, weil es das beste Argument der Bourgeoisie und Sozialdemokraten gegen die antimilitaristische Propaganda ist, dass wir „Freiheiten“ gegen lüsterne Räuber zu verteidigen hätten.

Nachbringend bringen wir die charakteristischsten Ausführungen Kropotkins zum Abdruck, und in Fortsetzung eine Entgegnung von Charles Albert auf dieselben, ebenfalls in „Les Temps Nouveaux“ veröffentlicht.

Dies schreibt unser Peter Kropotkin in einem Briefe an „Les Temps Nouveaux“:

„Wenn Frankreich durch einige Militärmächte überfallen wird, so ist die Pflicht der Revolutionäre nicht, die Arme zu kreuzen und dem eindringenden Feinde freies Spiel zu lassen. Sie ist: die Revolution anzufangen und das Territorium der Revolution zu verteidigen, um sie fortzusetzen.

Die Formel „Streik der Conscrits“ (der militärpflichtigen jungen Leute, D. Ueb.) sagt nicht genug. Sie hat die Unannehmlichkeit, sich auszuschweigen über den eigentlichen Zweck der Propaganda, und gibt Anlass zu falschen Deutungen desselben. Sie sagt nichts von der Revolution und sagt nichts von der Notwendigkeit, in welche die Revolutionäre versetzt werden, diese, jeden Zoll französischer Erde, der sich in Revolution befindet, mit den Waffen in den Händen zu verteidigen gegen die bürgerlichen und kaiserlichen Horden deutscher, englischer oder vielleicht russischer Räuber.“

Und weiter in seinem Briefe an den „Temps“: „Aber wenn die Deutschen Frankreich überfallen, an der Spitze – wie sie es ohne Zweifel machen werden – einer mächtigen Koalition, und die Hände der kleinen Grenzstaaten (Belgien und Schweiz) binden, alsdann wird der Streik der Conscrits nicht genügen. Man müsste machen, was die „Sanscullotes“ im Jahre 1792 getan haben, welche in ihren Sektionen die revolutionäre Kommune vom 10. August konstituierten, das Königtum und die Aristokratie über den Haufen warfen, gewaltsam Steuern von den Reichen erhoben, die Legislative (die gesetzgebende Körperschaft der grossen Revolution) zwangen, das erste wirkliche Dekret zur Vernichtung der feudalen Rechte zu erlassen und deren Zurücknahme durch die Bauern des kommunalen Bodens, und die marschierten, um die französische Erde zu verteidigen, immer indem sie die Revolution fortsetzten. Das ist auch das nämliche, was Bakunin und seine Freunde anno 1870 in Marseille und Lyon zu machen versuchten.

Der einzige wirksame Damm, den man einem deutschen Überfalle entgegen setzen kann, ist der Volkskrieg, die Revolution. Das ist es, was man voraussehen und von heute an offen sagen muss.“

Charles Albert antwortet auf diese Ausführungen folgendermassen:

„… Diese Lösung, sagen wir es gleich, ist verführerisch. Erstens, weil sie eine Vermittlung ist. Sie bringt zwei Sachen, die sich immer mehr von einander entfernen, wieder zusammen: Die Revolution auf einer Seite, auf der andern die nationale Verteidigung. Sodann ist sie edel, ritterlich. Sich aufopfernd ohne zu rechnen, wie es das Volk von jeher getan, genügt es für alles, übernimmt es alle Arbeiten, seine eigene wie diejenigen, welche richtig zu führen seine Regierung unfähig ist. Das Volk macht die Revolution, um an Stelle der Unfähigen und Verräter den Boden des Vaterlandes verteidigen zu können. Es verteidigt die Grenzen, um die Revolution gegen reaktionäre Horden, welche sie zu Grunde richten wollen, zu verteidigen.

* * *

Sehen wir uns die Sache näher an. Wir sehen, dass all dies auf keinen sehr soliden Grundlagen ruht. Eine doppelte Reihe von Hypothesen auf den Krieg und die Revolution, und zudem sehr gewagte Hypothesen, legt uns Kropotkin vor. Nun gut! Wir denken, dass dies nicht genug ist.

Kropotkin scheint keinen Moment daran zu zweifeln, dass sich Frankreich bald gegen „bürgerliche und kaiserliche Horden deutscher, englischer und vielleicht russischer Eindringlinge“ zu verteidigen habe. Das, was er voraussieht, ist beinahe ein Krieg um die Prinzipien, das ist die europäische Reaktion, die „bereit steht, ihre blind gehorchenden Truppen gegen die Nation, die 1793, 1848 und 1871 Revolution machte und sich auf eine neue Revolution, „die soziale“, vorbereitet, zu werfen.“

Aus einem solchen Krieg könnte in Wirklichkeit die Revolution vielleicht hervorgehen. Aber es hat andere, unendlich viel wahrscheinlichere Kriege, bei welcher Gelegenheit es nicht leicht sein würde, den Volksenthusiasmus zu entfesseln. Es gibt Kriege, die der Begierde entspringen, für kapitalistische Interessen. Und solche kapitalistische Gelüste finden sich in Frankreich wie anderswo. Es gibt bürgerliche und nationalistische französische Horden, welche ebenso die Rolle von fremden Eindringlingen spielen können. Es wird dann vielleicht nicht sehr leicht sein, das Zusammentreffen zwischen Krieg und Revolution zu besorgen…

Wir werden die Revolution machen.

Aber welche Revolution können und müssen wir machen?

Es ist immer leicht zu sagen, die Revolution. Schwieriger ist es, etwas Positives an Stelle dieser Silben zu setzen.

Wir alle haben den Hang, die Zukunft nach der Mode der Vergangenheit zu kleiden. Und dies ist, so scheint es mir, was Kropotkin hier macht. Er bringt uns zum Beispiel die Sansculottes von 1792 vor. Aber wir sind im Jahre 1905. Und vor allem in Frankreich sind die Dinge seit einem Jahrhundert fortgeschritten. Es ist selten, dass sich die Geschichte im nämlichen Lande in so langen Zeiträumen wiederholt. Und es spricht viel dafür, dass wir die Heldentaten unserer Väter nicht wieder anzufangen haben.

Dass eine soziale Umformung, vor allem eine wirtschaftliche, sich vorbereitet, in Frankreich stärker als anderswo, ist ausser allem Zweifel. Aber möchte diese Revolution in die von den Revolutionen der Vergangenheit eingeweihten Formen eintreten? Wird sie einen Block bilden, wovon das Glück mit dem Geschicke der Nation wird verbunden sein? Oder wird sie eher neue, unvorhergesehene Gestaltungen annehmen, welche vielleicht ihre beste Schutzwache gegen reaktionäre Unternehmungen von Aussen wie von Innen sein werden?

Es sind die Revolutionäre von Heute, welche er einladet zu fragen, was die Revolution von Morgen sein wird. Nun ist es sichtbar, dass alle Menschen, in welche sich die revolutionäre Energie geflüchtet hat, zum Mindesten [in] Frankreich, und gleichgültig aus welcher Klasse sie herkommen, stark von dem beeinflusst sind, was man „proletarisches Fühlen“ nennen könnte, und gewonnen für die Taktik der Arbeiter. Kropotkin weiss dies und erfreut sich dessen, wie wir. Alle legen ihr Vertrauen und ihre Energie in den täglichen Kampf der Arbeiter, insofern als Arbeiter gegen den Herrn, als dieser Herr ist: das ist der ökonomische Kampf, gewissermassen unser Beruf. Auf dem Felde, in der Fabrik, im Atelier rechnen sie die Revolution zu machen. Was sie in dieser Richtung zu allererst verstehen, ist die Befreiung und Organisation der Arbeit. Ihre neue revolutionäre Gruppenbildung, die Gewerkschaft, ist eine Gruppierung der Arbeit. Nun, alles dieses stimmt auf den ersten Blick aber schlecht mit dem revolutionären Nationalismus überein, welcher sich, es scheint so, mit nichts Anderem als der traditionellen, klassischen, mit einem Wort der politischen Revolution vereinbaren kann, deren von der Geschichte geheiligte Type uns verfolgt, ohne dass wir dazu gelangen, uns von ihr loszumachen.

* * *

Kropotkin verlangt von uns zu gleicher Zeit antimilitaristischer, wie nationalistischer Revolutionär zu sein. Legt er sich keine Rechenschaft darüber ab, dass eine solche Haltung praktisch unhaltbar ist?

Der Weg der Konzessionen und Abweichungen betretend, wird die antimilitaristische Propaganda, wie sie heute in den französischen Arbeiterkreisen den Weg nimmt, alle Klarheit und jeden Schwung der Begeisterung verlieren. Sie würde nicht mehr durchdringen. Ihre Flanken den von den Gegnern gewünschten Konfusionen leihend, würde sie damit enden, dass sie das Vertrauen in sich selbst verlieren würde.

Fassen wir die Sachen so ins Auge, wie es Kropotkin möchte, so ist nun fast unmöglich, aus der sich daraus ergebenden ersten Schwierigkeiten herauszukommen. Wenn ihr die Notwendigkeit, das revolutionäre Frankreich gegen das Ausland zu verteidigen, schon heute vorausseht – so sagt man uns – warum arbeitet ihr denn nicht heute schon an dieser Verteidigung mit und warum riskiert ihr sie abzuschwächen durch eure Propaganda?

Kropotkin antwortet: Nie hat die reguläre Armee nichts [= irgendetwas] gerettet noch verteidigt. Also kompromittieren wir nichts. Nur das Volk in Waffen, das aufgestandene Volk ist fähig, das Ausland zurückzuwerfen. Der einzige Damm, den man einem deutschen Überfalle entgegensetzen kann, ist der Volkskrieg, die Revolution.

Wieder die Hypothese mit Gefühlen umgeben. Denn angesichts der schicklichen Mittel des modernen Krieges haben wir das Recht nicht mehr, die Frage, ob die Bataillone der Franco Tireurs und Garibaldiner immer die Stärkern sein werden, zu bejahen. Man improvisiert die nationale Verteidigung nicht mehr wie in der Zeit, in der die mörderischsten Kriegsmaschinen in einigen schlechten Kanonen bestanden.

In allen Fällen wäre unser Antimilitarismus dem Danke einer mehr oder weniger glücklichen Diskussion über das beste Verteidigungssystem überliefert. Und das wollen wir nicht.

Man muss den Krieg mit allen seinen Konsequenzen annehmen, oder man muss es wagen, dem Gedanken einer Niederlage ins Gesicht zu sehen. Denn in Wirklichkeit gibt es keine mögliche Vermittlung. Oder gut, den Militarismus mit allen seinen Graden, seiner Hierarchie, mit seiner Knechtschaft – das will sagen, alles was ein wahrer Sozialist und ein wahrer Anarchist nicht annehmen kann – diese nationale Verteidigung, aufgenommen im ganzen Umfange, durch die Jaurès und die Clemenceau, als eine Grausamkeit, aber heilige Notwendigkeit. Oder dann den proletarischen Antimilitarismus, ohne Skrupeln, Beschränkungen noch Konzessionen, mit einer einzigen Formel auf alles antwortend: Streik der Conscrits und geschehe was kann!

* * *

So es an uns kommt, unsere Wahl ist getroffen. Ja, Streik der Conscrits und geschehe was kann. Das ist unsere Formel. Denn sie ist die einzige klare, die einzige logische, die einzige, die sowohl mit unserem anarchistischen Ideal wie mit unserer revolutionären Methode übereinstimmt. Noch mehr, sie ist die einzige praktische Lösung der sich vorbereitenden Konflikte. Angenommen, wir blieben Sieger über die reaktionären Horden, mit welchen ihr uns droht, aber wie halten wir dann den in Folgen dieser europäischen Reaktion, die nichts anderes begehrt als Rache zu nehmen, Stand? Man müsste von neuem uns durch einen ebenso blutdürstigen Militarismus, wie der von heute, schützen, oder fortwährend kriegen – wie lange Zeit? um die Revolution in die übrigen Teile der Welt zu tragen: Das wäre denn immer der Krieg mit allem, was daraus folgt!1

Nein, hundertmal nein. Das wahre, das einzige Mittel, das revolutionäre Frankreich zu schützen, ist, unsere Brüder, die ausländischen Arbeiter dahin zu bringen, dass sie ihre Arme sinken lassen, wenn man ihre Waffen gegen französische Brüste richten will. Und dafür ist das einzige wahre Mittel, ihnen ein Beispiel zu geben, gleichgültig was daraus entsteht!

Lassen wir uns eher durch die französischen Bourgeois füselieren, als dass wir im Namen der Revolution ermorden unsere deutschen, englischen oder russischen Brüder.

So arbeiten wir besser für die Revolution, als wenn wir Soldaten spielen, denn so arbeiten wir mit sicherem Erfolg durch unser Beispiel für den Frieden unter den Menschen, ohne welchen es heute keine so tiefgehende und langandauernde Revolutionen mehr gäbe.

___________

[Aus: Der Antimilitarist. BEILAGE zu NO. 21 des „WECKRUF“. III. Jahrgang. Zürich, November 1905]

1A.d.S.: etwas, was gewissermassen auch in der Sowjetunion passieren sollte, wohl aber jedem Aufstand, der sich mit der klassischen Militärstrategie verteidigt, passieren wird…

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April 1st, 2019 Comments off

Erste Veröffentlichung des Revolutionsverlags:


“Ich werde doch genug finden, die sich mit mit vereinigen, ohne zu meiner Fahne zu schwören.”

Eine Textsammlung zur informellen Organisation

1845-1948


Materialien, 260 S., Dezember 2018

Bestellbar über: revolutionsverlag [ät] riseup.net


Klappentext:

Wo gleiche Interessen vorhanden sind, wo der Hass gegen die Knechtschaft, die Herrschaft und Ausbeutung die Gefühle des Volkes beherrscht, da finden sich die Menschen, sobald sich irgend eine Gelegenheit zum gemeinsamen Handeln bietet, ganz von selbst in Massen zusammen. Da bedarf es keiner einheitlichen Organisation, um sie zusammenzufüh­ren. Und wo dieser gemeinsame Hass, das gemeinsame Ziel fehlt, wer­den trotz aller Gelegenheiten und einheitlichen Or­ganisation die Massen nicht gemeinsam handeln.“ (1887)

Mandatskrämerei, Abfassung von Resolutionen für Andere, Majoritäts- und Minoritäts-Herrschaft, das sind Abge­schmacktheiten und Schurkereien, mit denen ein jeder konse­quente Anarchist längst gebrochen hat. Ein Anarchist han­delt, so weit es ihm immer möglich ist, je nach seinem eigenen Gut­dünken auf eigene Faust. Formalitäten und Vorschriften sind ihm ebenso verhasst wie alle Schablonen, die seine Individua­lität beeinträchtigen.“ (1896)

Unsere Bewegung kennt weder Statuten, noch Mitglieds­bücher, noch feste Beiträge, oder Abstempelungen.“ (1921)

Wir sagen nicht: kommt zu uns! Sondern: kommt zu euch selbst!(1923)

Die Organisation wirkt auf die ihr subordinierten Menschen konservativ hemmend, wenn nicht gar reaktionär.“ (1923)

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Diese Sammlung von über 50 Texten verfolgt die En­twicklung der Ideen zu informeller Organisation inner­halb deutschsprac­higer anarchistischer Publikationen zwischen 1845 un­d1948.

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